Eva Schmid, Die untalentierte Lügnerin

Eva Schmid, Die untalentierte Lügnerin

Ich hab mich ja bemüht, heuer nur Autorinnen zu lesen. (Wobei mir Stephan Zweig mit seiner Magellan-Biografie untergejubelt wurde. Tauchte plötzlich auf meinem Nachtkästchen auf, genau zu dem Zeitpunkt als ich Buch- und somit Schutz-los war…)

Also Eva Schmid, weil, Österreicherin, Ö1-Buch des Monats und Longlist des Deutschen Buchpreieses und „So geht das Wunder von Literatur“ (Klappentext, Sabine Vogel, Berliner Zeitung). Mhm. Sicher gut geschrieben. Aber ich fange mit so ereignislosen, vor sich hinplätschernden Schilderungen banaler Leben einfach nichts an. Erinnerte mich sehr an Friederike Gösweiner Traurige Freiheit.

Es macht nichts in mir, es macht nichts mit mir.

Eine junge Frau, die keine einfache Kindheit hatte (kein Vater, desinteressierte Mutter, verstreute Brüder), weiß nicht, wie es in ihrem Leben weitergehen soll. Dank ihres reichen Stiefvaters – der einzige, dem scheinbar etwas an ihr liegt – hat sie keine materiellen Sorgen. Sie jobbt in einem Museum, geht oberflächliche Bindungen ein, löst sie wieder. Zum Schluss – naja, lest selbst.

Wie ein gut komponiertes, monotones Musikstück lullt einen der Text ein. Man merkt kaum, dass man ein paar Zeilen verpasst hat, weil einem die Augen zugefallen sind. Dann ist es aus und man denkt sich: „Und?“ oder auch „Jo, eh.“ Dabei mag ich durchaus leise Bücher, wie zum Beispiel von einem meiner Lieblingsautoren Peter Henisch. Auf 208 Seiten habe ich mir keinen einzigen be-merkenswerten Satz angestrichen…

buchdeckel eva schmidt
Eva Schmidt
Die untalentierte Lügnerin
Jung und Jung
208 Seiten
978 3 99027 230 5

Erster Satz:
Mit neunzehn war Maren zum ersten Mal von zuhause ausgezogen

Franzobel, Rechtswalzer – eine Gastrezension von Manuela Grabherr-Gappmayer

Franzobel, Rechtswalzer – eine Gastrezension von Manuela Grabherr-Gappmayer

Franzobel ist wieder einmal unter die Krimiautoren gegangen und hat sich einen politischen Phantasie-Reigen erdacht, der einige Monate nach Entstehung des Buches wohl gar nicht mehr so viel Phantasie benötigt.

Zwei Erzählsträngen folgt die Geschichte. Da ist einerseits Malte Dinger, Besitzer einer Bar, in der am liebsten Gin in verschiedensten Variationen verkauft, Vater eines Schulanfängers, Familienmensch und Ehemann – bis er eines morgens ein Handy findet und beim Schwarzfahren erwischt wird. Letzteres aus Versehen, da ihm seine Frau die Monatskarte aus der Geldtasche genommen und nicht wieder zurückgelegt hatte. Die Strafzahlung konnte er nicht leisten, da fehlten ihm einige Euros, so wurde er festgenommen und inhaftiert. Nicht ohne Pannen. In seiner Wut und Verzweiflung hat er dem Polizisten einen Zahn ausgeschlagen, was sich natürlich nicht mildernd ausgewirkt hatte.

Und andererseits gibt es Kommissar Groschen, der zu einem sensationell grausamen Mord in einem verlassenen Gebäude in der Strozzigasse gerufen wird. Schon bald führt ihn die Spur des Mörders aufs Land zu einer Adelsfamilie, bei der offensichtlich nicht mehr viel Adel übrig geblieben ist. Der Mord soll ad acta gelegt werden, der mögliche Täter  ist und bleibt flüchtig. Groschen glaubt nicht daran. Und wird recht behalten. Ein weiterer Mord, ähnlich grausam beschrieben, im selben Familienumfeld geschieht. Die Suche wird erneut aufgenommen.

Es kommt zum großen Showdown – naheliegend in Österreich, beim Opernball. Hier findet sich der beste Boden um Gesellschaftskritik gedeihen zu lassen. Die zwei Erzählstränge treffen sich und es kommt zu Aufklärungen und damit, nach mehr als 400 Seiten doch zu einem etwas abrupten Ende des Buches.

All das geschieht eingebettet in ein Österreich, das von der rechten Partei LIMES regiert wird, vom Meister und seinem Gehilfen. Die Welt hat sich damit geändert. Die Polizei wurde aufgestockt, Flüchtlinge und andere Nichtwillkommene außer Landes verwiesen, Theaterdirektoren wurden angewiesen bestimmte Autoren nicht mehr zu spielen, und, und, und. Speziell die Beschreibung der politischen Veränderung hinterlässt beim Lesen ein banges Gefühl. Man weiß, dass Franzobel beim Schreiben seines Kriminalromanes vieles, was das heutige Österreich ausmacht, noch nicht gewusst haben kann. Er hat phantasievoll Szenarien vorweggenommen, die für die meisten Österreicherinnen und Österreich zu dem Zeitpunkt nicht denkbar waren. Nun ist der Roman erschienen, lektoriert, gesetzt, gedruckt, und verkauft und Österreich ist der absurden Phantasiewelt Franzobels beängstigend nah gekommen.

So hat es Franzobel auch geschafft in meine Alltagswelt zu gelangen. Bei einer meiner letzten Fahrscheinkontrollen funktionierte die App nicht und ich spürte eine leicht Malte Dinger-Panik aufkommen. Für mich ist alles gut ausgegangen. Österreich ist zu wünschen, dass es allen anderen auch so ergeht.

Franzobel schafft ein Werk voll Sprachgewalt. Er bedient sich ganz unglaublichen Bildern, die ich persönlich nie verfilmt sehen möchte und die an die Grenze verkraftbarer Brutalität gehen. Aber er spielt auch mit den Wörtern, lässt literarische Kunstformen, etwa die der Alliteration einfließen – “Die Teller, Türen, Toiletten waren noch dieselben, auch die Betten, Bestecke, Besen wirkten gewöhnlich.”

“Rechtswalzer” ist ein verstörendes Buch, eines das niveauvoll unterhält. Geeignet nicht nur für Krimileser. Es ist ein Glanzstück österreichischer, sehr österreichischer Literatur.

Franzobel
Rechtswalzer
Verlag Zsolnay
416 Seiten
3552059229

Mag. Manuela Grabherr-Gappmayer MSc, Publizistin, Leserin, vereitelte Buchhändlerin und unermüdliche Projektentwicklerin

Angelika Waldis, Ich komme mit

Angelika Waldis, Ich komme mit

Leben ist, wenn man Sterben das Letzte findet.

Komisch: Der zweite Roman en suite bei dem es ums Sterben geht?! Ich fand Wissers Königin der Berge wirklich gut. Aber Ich komme mit liegt mir viel mehr. Vielleicht weil es von einer Frau geschrieben wurde…

Ähnlich wie Wisser, hat Angelika Waldis ein sehr entspanntes Verhältnis zur Sprache. Sie erfindet Wörter, schreibt ein-Wort-Sätze. Hört mittendrin auf, wenn etwas nicht sag-/schreibbar ist. Je mehr es dem Ende zugeht, umso reduzierter wird das Gesagte. Manchmal schlägt das Schweizerische durch. Das fühlt sich dann komisch an.

Vita ist 72. Sie ist des Lebens ein wenig müde. Ihr Sohn lebt weit weg in Australien und meldet sich fast nie. Ihre Füße schmerzen. Sie ist einsam. Lazy, ihr Nachbar, ist grad mal 20. Außer Grüßen am Gang, „Alo Maier“, verband sie bisher nichts. Doch das ändert sich, als Lazy die Diagnose Leukämie bekommt. Vita nimmt Lazy bei sich auf. Sie planen eine (letzte?) große Reise.

Humor, Komik, Poesie, Banalität. Waldis schaukelt uns sanft dem Ende entgegen. Zwischen schmutziger Wäsche und Marillenkuchen haut sie uns Aphorismen um die Ohren “ Das Leben ist wie ein Geschenk. Man kanns nur einmal auspacken. “ Sie gibt (Mausi) und sie nimmt (Ausi).

Manches ist mir zu „Faust-aufs-Aug“ wie zum Beispiel dass die Protagonistin Vita heißt. Vita Maier. Das normale Leben quasi. Oder Aydan, die Schöne Tochter des Taxifahrers, die vom Mond kommt.

Ich komme mit erinnert mich ein bisschen an Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann. Es hat auch so einen heiteren Grundton, einen schrägen Humor, einen – grundlosen? – Optimismus.

Jedenfalls mag ich Bücher, bei denen es ums Sterben geht und ich nicht weinen muss (wobei eich bei Mariana Leky schrecklich geplärrt habe!). Eine unbedingte Leseempfehlung für Jung und Alt und sehr Alt.

Mein Lieblingsbuch 2018.

Danke an Sonja Franzke für die Empfehlung!

Angelika Waldis
Ich komme mit
Verlag Wunderraum
224 Seiten
9783336547975

Erster Satz:

Gott, hast du mich erschreckt!

Übrigens auch optisch ein sehr schönes Buch!


Daniel Wisser, Königin der Berge

Daniel Wisser, Königin der Berge

Wenn der Protagonist nach 390 Seiten stirbt, und ich muss nicht heulen wie ein Schlosshund, ist das das sicherste Zeichen für Pathoslosigkeit. (Ich! Wo ich doch schon bei der Ottakringer-Werbung ein Tränchen verdrücken muss…)

Daniel Wisser, hochgelobt und gehypt vom Feuilleton, ausgezeichnet mit dem Österreichische Buchpreis, wird nun auch von mir akklamiert. Erstens weil er mit viel Humor den vermeintlich humorlosesten Abschnitt des Lebens beschreibt: dessen Ende. Zweitens, weil er eine neue Form erfindet: Er streicht durch, was man nicht sagen/denken darf, schwärzt, was man nicht lesen darf, schreibt zwei Versionen: eine wahrhaftige und eine „veröffentlichte“.

Robert Turin (mit der Betonung auf der ersten Silbe) lebt freiwillig in einem Heim. Er ist an Multipler Sklerose erkrankt. Seine Krankheit nennt er Königin der Berge. Sie zwingt ihn in den Rollstuhl und raubt ihm Stück für Stück seine Autonomie. Herr Turin, wie er im Heim genannt wird, will sich den letzten Rest freien Willen bewahren und sich in der Schweiz das Leben nehmen, doch braucht er dafür jemanden, der ihn hinbringt.

Robert Turin ist kein ausschließlich sympathischer Mensch. Er ist ein notgeiler Alkoholiker, der mit seinem toten Kater spricht und seine Frau belügt. Er scheitert kläglich bei mehreren Selbstmordversuchen. Seine Empathie mit anderen HeimbewohnerInnen geht nur soweit, als er selbst keinesfalls so enden will.

„Herzzerreissend komisch“ wie es am Buckrücken steht würde ich Königin der Berge nicht nennen. Aber es ist wirklich erfrischend und überraschend, eine terminale Krankheit aus dieser Perspektive zu erleben. Unweigerlich stellt sich die Frage: Ja darf man das? Ja man darf. Es kann uns alle treffen. Und es tut gut, auch diese Haltung einnehmen zu dürfen. Ehrlich, schmutzig, ekelerregend, aber auch wirklich lustig und absurd.

Ein Hoch auf das Pflegepersonal, das – wie im echten Leben – migrantischer Herkunft und unter furchtbaren Bedingungen dennoch herzlich sein kann.

Mein Vater ist auch sehr krank und pflegebedürftig. Humor hilft, mit vielen überfordernden Situationen umzugehen. Traut euch. Das Leben ist ernst genug!

Daniel Wisser
Königin der Berge
Verlag Jund und Jung
400 Seiten
9783990272244

Ich liebe Schwester Aliki.

Erster Satz
Anna Herzig, Sommernachtsreigen

Anna Herzig, Sommernachtsreigen

Warten zwei Männer auf den Nachtbus, sagt der eine …

Anna Herzigs Sommernachtsreigen liest sich ein bisserl wie ein (langer) Witz. Jedenfalls wie ein urwienierisches Gschichtl. Kann wahr sein, muss aber nicht. Mit viel Humor erzählt. Viele alkoholinspirierte Lebensweisheiten. Nüchterne Bonmots gibt die Erzählerin von sich. Die bringt Ordnung in das chaotische Leben von Bertl, Pawel und Johanna.

Es ist eine Geschichte über Liebe, Ehrlichkeit, Mut, Schicksal, falsche und richtige Entscheidungen. Über Ottakring und Instanbul. Und am Ende wird der Pawel bemerken, dass ihm „ein ganz neues Paar Augen geschenkt worden“ ist und die Johanna wird nach Istanbul fahren.

Und du wirst froh sein, das Gschichtl gelesen zu haben. Sonst wären dir Sätze entgangen wie:

Das Leben gibt dir viel, aber ganz sicher keine Anleitung.

Sich aus seiner von Geburt an zugeteilten Haut herauszuschälen, ist kein angenehmer Vorgang.

Zwischen zwei Frauen zu sein, ist nur spannend, wenn man nackt ist.

Keiner sucht sich aus, was er für einen Kopf hat.

Rudern, kentern, blöd schauen und keinen Plan zu haben, welche Richtung gut ist, gehört halt auch zum Menschsein dazu.

Wahnsinn kann zart sein und muss nicht immer klinische Symptome aufweisen.

Anna Herzig
Sommernachtsreigen
Voland & Quist
176 Seiten
9783863912024

Voland & Quist ist ein spannender, kleiner, unabhängiger Verlag aus Deutschland. Er wurde 2004 gegründet und steht für junge, zeitgemäße Literatur. Vielen Büchern liegt eine CD bei (diesem nicht), auf der sich neben Lesungen der AutorInnen selbst oft auch Bonusmaterial befindet. Der Verlag veröffentlicht hauptsächlich Lesebühnenliteratur, Spoken-Word-Lyrik, Romane und Erzählungen junger osteuropäischer AutorInnen sowie Kinderbücher.

Erster Satz:

„Wir müssen ehrlich sein, Hannerl“, sagt der Bertl zu seiner Frau.

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Frei Haus geliefert von Hartliebs Bücher

Juli Zeh, Leere Herzen – Hörspiel

Juli Zeh, Leere Herzen – Hörspiel

Eine dystopische Geschichte von einer der spannendsten deutschen Autorinnen der Gegenwart, Juli Zeh. Nicht so gut wie Unter Leuten – aber das war ja auch was für die ewige Bestenliste – aber ein kleiner, würziger akustischer Snack, der uns die Fahrt von Wien nach Laibach deutlich verkürzt hat. (Und die Ablenkung haben wir gebraucht, sind wir doch bei Seebenstein draufgekommen, dass wir unsere Pässe zuhause vergessen hatten!!!)

Es spielen nicht viele Personen mit in Leere Herzen. Man behält leicht den Überblick. Vor allem auch, da eine Erzählerin zum Einsatz kommt.

Ist Juli Zeh in Unter Leuten noch eher liebe- und humorvoll mit ihren ProtagonistInnen umgegangen, so kommt Leere Herzen genauso kalt rüber, wie der Titel es verspricht. Es ist eine zynische Geschichte, die jedoch völlig logisch das Heute in eine post-Merkel-Ära fortschreibt. Dass was nicht „stimmt“, zeigt sich nur darin, dass die Protagonistin Britta an chronischer Übelkeit und Bauchschmerzen leidet. Kein Wunder, betreibt sie doch eine Vermittlungsagentur für Selbstmörder. Wenn schon freiwllig Sterben, dann für ein „höheres Ziel“. Welches Ziel, das bestimmen Britta und Babak mit ihrer Agentur „Die Brücke“. Die Kunden reißen sich um Brittas Klienten, denn nichts ist so gefährlich, wie jemand, der bereit ist zu sterben. Doch neue Konkurrenz drängt auf den Markt. Bald ist nicht nur Brittas Firma bedroht sondern auch ihr Leben.

Die Geschichte ist nicht so packend, wie sie sein könnte. Dazu ist sie zu kalt erzählt. (Ich habe auch dauernd den Titel „Kalte Herzen“ im Kopf …) Aber das passt ja auch wieder ganz gut. In bisschen mehr als 2h ist man durch. Und dann ist man schon ein bissl erschüttert und fragt sich, ob das nicht alles so oder so ähnlich wirklich passieren könnte… (Wobei das mit „Merkel muss wieder her“ schon ein bissl deppert ist!)

Leere Herzen gibt´s auch als Hörbuch. Hier gibt´s einen interessanten Vergleich zwischen Hörbuch und Hörspiel.

Juli Zeh, Leere Herzen
Hörspiel mit Bettina Hoppe, Rainer Bock, […] MDR Kultur, 978-3-8445-2912-8
2 CDs, Gesamtlaufzeit 2h 6m
Hier geht´s zur Hörprobe.

Was allgemein nervt:

Es gibt keine mir bekannte App, die es mir erlaubt, ein Hörbuch, das auf CD daherkommt, ordentlich auf mein iPhone zu übertragen. Ich hab dann am iPhone „je zweimal „Titel1“ und „Titel2“ etc., manchmal auch komplett durcheinander. Unhörbar. Bitte: Wir können Teslas ins All befördern, mein Telefon weiß jederzeit wo ich mit wem bin, Roboter besiegen Menschen beim GO, da wird´s doch auch möglich sein, ein kleines Programmerl zu schreiben, mit dem das funktioniert! Danke.

Dieses Hörbuch wurde mir übrigens gratis zur Verfügung gestellt von Randomhouse.de

Last-Minute-XMAS-Empfehlung: 20 Bücher und wem ihr sie schenken solltet

Last-Minute-XMAS-Empfehlung: 20 Bücher und wem ihr sie schenken solltet

Sonja Franzke empfiehlt

Nino Harataschwilli, Das achte Leben
Für Sofakuschlerinnen und Pageturner, die Geschichte in der Geschichte mögen

Paulus Hochgatterer Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war
Für Lesefaule, die trotzdem nicht auf Heldengeschichten verzichten wollen und einen Sprachqualitätsanspruch haben

Silvia Pistotnig, Tschulie
Für Bobos mit einer Schwäche für Trash, Hochstaplerinnen mit Sinn für Selbstironie, z. B. die Mutter der Schwiegertochter/Freundin

Ruth Cerha, Bora
Für die, die ab Jänner  über die Winterlänge jammern

Jon Gnarr, Hören Sie gut zu und wiederholen Sie
Für politische Seelen, die am Wahlverhalten ihrer MitbürgerInnen verzweifeln, und für alle, die meinen, Idealismus gehöre ins Museum und nicht in die Politik. Tipp: Vielleicht gleich jedem und jeder, der oder die unterm Christbaum den falschen tagespolitischen Kommentar abgeben könnte.

Ines Glatz-Deuretzbacher empfiehlt

Jen Sincero, Du bist der Hammer
Wer einen Schub in Sachen Lebensfreude und Glaube ans Gute braucht, liest oder hört am besten Jen Sincero – ist der Hammer!

Ingrid Kaltenegger, Das Glück ist ein Vogerl
Für Leichtleser – Ein alter, verunfallter Mann, der in den Träumen eines verkappten Musiklehrers erscheint – gepaart mit einer saftigen Beziehungskrise desselben: lustig und todernst zugleich.

Dallas Shaw, The Way She Wears it
Für Stilsuchende – Auf der Suche nach neuer Inspiration gegen immer gleiche Outfits, greift man am besten zu diesem herrlichen Buch von Star-Stylistin Dallas Shaw: Nach Saisonen geordnete Illustrationen, Fotos, außergewöhnliche Stilvorschläge – inklusive Kleiderkasten-Selbstreflexionen …

Daniel Kehlmann, Tyll
Für echte LeserInnen – Auch wenn man die „Vermessung der Welt“ nicht geliebt oder sogar gar nicht gelesen hat – wer diesen großartigen, unglaublich intensiven, mit Ironie, Witz und Liebe zum Detail versehnen Blick in die Zeit des 30-jährigen Krieges versäumt, ist selbst schuld.

Michaela und Nico Richter, Paleo in 15 Minuten: schlank & glücklich mit der Steinzeit Diät
Für Semmerlesser – Einmal den Wahnsinns-Turbo durch Paleo-Ernährung erlebt und nie wieder ein Semmerl angerührt … naja … oder nur mehr ganz, ganz selten …

Ich empfehle

Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann
Für alle, die wir lieben.

Ronja von Rönne, Heute ist leider schlecht
Für Menschen, die man nicht mag, aber irgendwie auch nicht loswerden kann wie z.B. lästige, aber nötige KundInnnen, unbeliebte Familienmitglieder, grenzüberschreitende NachbarInnen, Hauptfachunterrichtende, o.ä.

Marc-Uwe-Kling, Quality Land (Hörbuch von ihm selbst gelesen)
Für humorbegabte Zeitgenossen sowie Drohnen mit Flugangst, Sexdroiden mit Erektionsstörungen, Staubsauger mit Messie-Syndrom und E-Poetinnen sowie alle, die in die Zufkunft schauen wollen.

Elena Ferrante, Die Geschichte der getrennten Wege
Für bff (bestfriendsforever) & bmf (bestmothersforever)

Gail Honeyman, Ich, Eleanor Oliphant
Für alle, die einen liebenswerten Klopfer haben

Doris Knecht, Wald
Für alle, denen das Leben kräftig reing´schissen hat

Jonathan Safran Foer, Hier bin ich
Für alle, die großartige jüdische Literatur lieben und gerne Nachdenken beim Lesen

Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben
Für alle, die das beste Buch 2016 noch nicht gelesen haben und sich nicht vor 960 Seiten nicht schrecken

Naomi Klein, Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klim
Für öko-RealistInnen, zwar schon 4 Jahre alt aber natürlich immer noch gültigst

Elena Favilli, Francesca Cavallo, Good Night Stories for Rebel Girls
„Das sind richtig tolle Gute-Nacht-Geschichten, die auf dem Nachtkästchen jedes Mädchens und jeder jungen Frau liegen sollten“ (Franziska Schweizer)

Anmerkung:
Diese Empfehlungen gelten nur, wenn die Bücher im Buchgeschäft ums Eck gekauft werden und nicht beim bösen amerikanischen Konzern, der Steuern vermeidet – obwohl sein Besitzer bereits der reichste Mann der Welt ist! –, hierzulande kaum Wertschöpfung generiert und seine MitarbeiterInnen schlecht bezahlt.

Radek Knapp, Der Mann, der Luft zum Frühstück aß

Radek Knapp, Der Mann, der Luft zum Frühstück aß

Mit Büchern ist es ja ein bisschen so wie mit Essen: Manches Buch ist ein wahrer Festschmaus: viele Gänge werden auf einem sorgfältig geschmückten Tisch in großer Runde mehr zelebriert als einfach nur gegessen (z.B. Ein Wenig Leben von Hanya Yanagihara). Dann gibt es fettes, ungenießbares Fastfood – das wir nur essen, weil uns Werbung künstliche Zusatzstoffe süchtig gemacht haben. Wir schlingen es hinunter, verspüren Instantvergnügen gefolgt von anhaltender Übelkeit und schlechtem Gewissen (nein, kein Beispiel!). Ganz  im Unterschied zu jenen gesunden, leichten, farbenfrohen Snacks, die mit wirklich nahrhaften Zutaten liebevoll zubereitet werden.

Radek Knapps Der Mann, der Luft zum Frühstück aß ist so ein Super-Snack: knappe 109 unterhaltsame Seiten, niveauvoll, entzückend, naiv & klug gleichzeitig. Knapp erzählt die Geschichte des jungen Walerian, der mit 12 Jahren von seiner verrückten Mutter von Polen nach Wien entführt wird. Wie Walerian versucht, in dieser Fremde Fuß zu fassen, ihm dem aber – große Verwunderung ! – das goldenen Wienerherz verschlossen bleibt. Wie es ihm aber dennoch gelingt, sich neu zu verwurzeln und er als Heizungsableser dabei jemandem das Leben rettet.

Weihnachtskaufempfehlung für FreundInnen,  liebe Tanten & Onkeln, ehemalige LieblingslehrerInnen.

Radek Knapp Der Mann, der Luft zum Frühstück aß
Radek Knapp
Der Mann, der Luft zum Frühstück aß
Deuticke, Wien
109 Seiten
ISBN 978 3 552 06336 5

Erster Satz: Niemand wusste so richtig, was im Kopf meiner Mutter vorging.

Unbedingt hören: Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann.

Unbedingt hören: Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann.

Solltest du dir je überlegt haben, selbst einen Roman zu schreiben, wird dich dieses (Hör-)Buch eines Besseren belehren. Es kann nur wenig kommen, das klüger + feinfühliger + liebevoller + komischer (im Sinne von skurril)  daherkommt, als Mariana Lekys Was man von hier aus sehen kann. Ich hab sowas noch nie gelesen (gehört). Am ehesten erinnert es mich an skandinavische Komödien (Ein Mann namens Ole; Elling). Jedenfalls ganz großes Kino, das uns aus diesem kleinen Dorf im deutschen Westerwald geliefert wird. Ein Buch für meine ganz persönliche Bestenliste!

Dieses Buch wurde ohne jeden Zweifel von einer alten, schönen Seele geschrieben …

Selma sieht den Tod voraus. Immer wenn ihr ein Okapi (sic!) im Traum erscheint, wird jemand aus dem Dorf sterben. Im Angesicht des eventuell bevorstehenden Todes – Selma weiß nicht wen es treffen wird – wollen die DorfbewohnerInnen lieber ihre Angelegenheiten in Ordnung bringen. Dass das mitunter noch viel komplizierter ist, als sie sich das ohnedies vorstellen und mitunter Jahrzehnte dauern kann, davon handelt dieses großartige kleine Buch. Und von Aufhockern und Verschreckungen und wie man sie wieder los wird und von einem buddhistischen Mönch, den man auf keinen Fall mehr loswerden will.

Das ideale Weihnachtsgeschenk für alle, die keine Action brauchen um bewegt zu sein.

Ihr solltet euch (bzw. den Beschenkten) unbedingt (auch) die Hörbuch-Version gönnen.  Sandra Hüllers Stimme passt perfekt in diese quasi-skandinavische Umgebung.  Sie trifft jeden Ton genau und trägt – ich hab das Buch (noch) nicht gelesen – ungemein zur Stimmung der Geschichte bei.

wasmanvonhieraussehenkann
Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann
Gesprochen von: Sandra Hüller
Spieldauer: 08 Std. 01 Min.
Anbieter: tacheles! / Roof Music

Hier geht´s zur Hörprobe

 

Ronja von Rönne, Heute ist leider schlecht

Ronja von Rönne, Heute ist leider schlecht

Wer auf den Misantropen wohnt, ein Wochenendhäuschen in der Fickt-Euch-Allee sein Eigen nennt, wer auf Sarnagel-Humor gepaart mit deutscher Schnoddrigkeit steht, ist bei der Frau mit dem coolen Namen genau richtig. Heute ist leider schlecht ist eine Kolumnensammlung für schlechte-Laune Tage, oder eigentlich jeden Tag, denn schlecht kann der Tag ja noch werden. Nicht umsonst heißt das Buch im Untertitel „Beschwerden ans Leben“.

Ich lese ja immer mit dem Bleistift in der Hand, um mir Bemerkenswertes zu markieren. (Übrigens ein irrsinniger Nachteil von Hörbüchern! Das mit dem Markieren hab ich bis jetzt nicht durchschaut.) Bei von Rönne legte ich den Bleistift gar nicht mehr aus der Hand. Diese noch so junge Frau (Jahrgang 1992!) ist manchmal bemerkenswert weise – teil-weise sozusagen. (Bitte um Applaus für diesen großartigen Wortwitz!) Eine scharfzüngige Beobachterin („Der moderne Lebenslauf: Geburt, Schule, Arbeit, Burn-out, Ayurveda-Auszeit in Indien und Bikram-Yoga-Kurse in Berlin-Mitte.“), eine Nix-Scheißerin, eine Shitstorm-Küche quasi. Naja mit ein bisserl was über 20 darf frau auch noch mit antifeministischem Blödsinn provozieren. Wer fesch und jung ist, glaubt ja wirklich noch an die eigene Unverwundbarkeit!

Wer schon mal daran gedacht hat, ein Buch zu schreiben muss die Kolumne „So ist Schreiben“ lesen: Köstlich! (Natürlich ein bisserl kokett nachdem Wir kommen, ihr Debutroman nicht nur beim Feuilleton ganz gut ankam.)

Alle Paarungswilligen (im Sinne von Paar-Werdung, nicht das was ihr denkt!) werden auch beim Beginn der Kolumne „Wie man eine gesunde Beziehung führt“ ein Déja-vu haben: „Als Erstes trifft man sich in einer Bar und guckt. Dann schraubt man seine Ansprüche herunter und guckt nochmal.“

Das Kapitel über den Urlaub punktet mit der tiefen Einsicht: „Wer im Urlaub unglücklich ist, lernt vor allem eines: dass Zufriedenheit nichts ist, was sich automatisch einstellt, wenn nur alles Unangenehme aus den Tagen radiert wird, dass das Verzagen tiefer sitzt, knapp unter der Bauchdecke vielleicht.“

Oder das Kapitel über Familie: „Denn natürlich heißt Familie nicht „Leute mit wuscheligen Haaren und gutsitzenden Hosen, die ich aufgrund ähnlicher politischer Einstellungen und Humorverständnis ganz fabelhaft finde. Familiengeschichten  sind deshalb interessant und Stoff für Romane und Filme, weil Familie im seltensten Fall aus Leuten besteht, mit denen man so auch befreundet wäre. Familie das ist ist ein unordentlicher Knoten, ein Haufen komischer Leute mit irritiereden Interessen und seltsamen Frisuren, die ständig mit vollem Mund reden und alle die gleiche Stupsnase haben. In den allermeisten Fällen fragt man sich ungefähr ab dem achten Lebensjahr, ob man nicht den Einhorn-Schulranzen (Alles klar, von welcher Generation wir sprechen ? Anm. d. Red.) mit ein paar belegten Broten und der Kuscheldecke füllen sollte, um dann weit, weit fort zu laufen von diesen furchtbaren Menschen, die behaupten einen zu lieben, und einem dann Rote Beete zu Abendessen vorsetzen. Später wird das nicht besser. Eltern, das sind im besten Falle Leute die einem schöne Dinge (Koma-Saufen) verbieten und zu schrecklichen Dingen (Lebertran-Saufen) zwingen wollen. Eltern haben keinen Geschmack. Eltern hören schlechte Musik. Eltern sind scheiße angezogen. Eltern geben wenig Taschengeld. Eltern verstehen gar nichts. Eltern wissen  nicht was Instagram ist. Opfer. (…) Familie, das ist ein einziges, großes „Trotzdem“.“

Ronja von Rönne Heute ist leider schlecht: Beschwerden ans Leben. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2017 978-3-596-03703-2 208 Seiten
Ronja von Rönne
Heute ist leider schlecht:
Beschwerden ans Leben.
S. Fischer Verlag
Frankfurt am Main 2017
978-3-596-03703-2
208 Seiten

Erster Satz: „Wenn ich an meine Kindheit denke, erinnere ich mich nur an Millionen Kieferorthopädenbesuche und AOL-CD Roms.“

Wer trotz dieses ersten Satzes jetzt mehr von von Rönne lesen möchte, kann die Welt am Sonntag abonnieren oder aber ihren Blog Sudelheft lesen. Dort sind auch viele Fotos, die klarmachen, wo für mich die Parallelen zu Stefanie Sargnagel liegen 😉