Sicher einer der besten Fantasy-Romane, die ich je in meinem Leben gelesen habe. (Und derer waren es schon viele…)
Ja, manchmal gönne ich mir etwas – vermeintlich – Leichtes. Damit´s nicht zu leicht ist und einen pädagogischen Mehrwert bietet, lese ich Fantasy und Krimis in Originalsprache. Das ist bei Babel jedenfalls zu empfehlen, allerdings nur, wenn frau mindestens passables Englisch spricht.
Bei Babel ist das doppelt empfehlenswert, da sich die Geschichte – wie der Titel vermuten lässt – um die Macht der Sprache dreht.
Babel spielt in Cambridge Anfang/Mitte des 19.Jahrhunderts. Die Industrialisierung Großbritanniens wird mithilfe der Magie der Worte massiv befördert, was die Rohstoffbeschaffung in bestehenden Kolonien oder noch zu „überzeugender“ Handelspartner „erfordert“. Wer nicht kooperiert – wie z.B. China -, wird dazu gezwungen.
Vor dem Hintergrund realer historischer Ereignisse, entwickelt Kuang, selbst akademische Übersetzerin mit chinesischen Wurzeln, einen faszinierenden, einzigartigen Plot: die Magie entsteht dort, wo aufgrund der Unschärfe von Übersetzungen, semantische Spannung entsteht. Cambridge (wo auch Kuang studiert hat) ist das Zentrum der Übersetzung. Dort werden nicht nur Übersetzer:innen (wobei nicht viele weibliche Studentinnen zugelassen sind) ausgebildet, sondern auch neue Anwendungen der Magie entwickelt.
Auf > 500 Seiten – mit vielen Sternchentexten, die vor allem abends sehr anstrengend zu lesen sind – entspinnt sich eine große Neuerzählung von Ausbeutung (von Menschen und Ressourcen), Klassizismus, Rassismus, Frauendiskriminierung, Machterhalt. Aber auch von Freundschaft und Loyalität.
Es geht um Identitätsstiftung durch Sprache, um deren „Verdrehung“ durch Übersetzung und um Aneignung.
Languages aren´t just made of words. They´re modes of looking at the world. They´re the keys to civilization. And that´s knowledge worth killing for.“
Im Original heißt der Roman „Babel or the Necessity of Violence“. Und das ist die weitere große Frage, die Kuang in Babel bearbeitet.
Pamphlets. They´d thought they could win this with pamphlets. [] He lamost laughed at the absurdity. Power did not lie in the tip of a pen. Power did not work against it´s own interests. Power could only be brought to heel by acts of defiance it could not ignore. With brute, unflinching force. With violence.
Ein Jugendbuch?
Mir wurde Babel von einer 14-Jährigen empfohlen… Hut ab! kann ich nur sagen. Ich fand Babel teilweise sehr sophisticated. Intellektuelle Auseinandersetzungen finden auf einem sehr hohen kulturellen und sprachlichen Niveau statt. Ich habe parallel die Geschichte der britisch-chinesischen Opiumkriege nachgelesen, damit ich die die Zusammenhänge besser nachvollziehen kann und viele Vokabeln nachgeschlagen.*
Hohe aktuelle Relevanz
Babel mag zwar dem Fantasy-Genre zugerechnet sein – weil halt Magie vorkommt. Aber in Wahrheit ist Babel ein hochbrisantes Buch über Kolonialismus und Ausbeutung und über die Frage, wie weit Widerstand gehen darf bzw. muss. Wenn 14-Jährige so etwas lesen, keimt Hoffnung auf…

Babel
Harper Voyager
Hardcover, 546 Seiten
ISBN 978 0-06-302142-6
Danke
an Olivia Strini, die mir dieses Buch ans Herz gelegt hat!
Erster Satz
By the time Professor Richard Lovell found his way through Canton´s narrow alleys to the faded address in his diary, the boy was the only one in the house left alive.
* Es wäre sicher interessant, die Übersetzung zu lesen: Traduttore, traditore…




















