Sally Rooney, Normal People

Sally Rooney, Normal People

Wie soll man an bedingungslose Liebe glauben, wenn sonst nichts im Leben bedingungslos ist?

Sally Rooney, der Shootingstar der jungen irischen Literaturszene, hochgelobt vom Feuilleton wie auch von Frauenzeitschriften, ist ein Must-Read (mittlerweile auch ein Serien-Must-See).

Ihr Normal People hat das Potenzial, Klassiker der Schullektüre wie J.D. Salingers Catcher in the Rye abzulösen. Doch das wusste ich noch nicht, als ich – auf den Zug wartend – spontan zugriff. (Englische Buchcover sind einfach um so vieles optisch und haptisch attraktiver!)

So viel Lob und Auszeichnungen (Winner Costa Novel Award, The Irish Book Award, British Book Award, Longlist Man Booker Prize! und noch viele andere), das kann ja nur super werden! Selbst wenn es um eine Coming-of-Age-Geschichte geht, für die ich eigentlich schon deutlich zu alt bin…

Zunächst hab ich mir schwer getan. Die Geschichte zwischen Marianne und Connell entfaltet nur langsam ihr Drama. Rooney erzählt eher beiläufig (siehe erster Satz). Bei 265 Seiten glaubte ich dann schon nicht mehr dran. Aber die Falter-Buchclub-Fans haben mich ermutigt. Und ich bin ihnen sehr dankbar. Nach dem ersten Drittel hat das Buch ein starkes Momentum entwickelt, ich wollte es nicht mehr aus der Hand legen.

Rooney beschreibt einfach und glaubwürdig, was Klassenunterschiede auch im 21.Jahrhundert anrichten können, die Brutalität von jugendlichen Cliquen, wie sich Gewalt und Missbrauch in die Psyche einfräsen und Selbstzweifel und -hass hinterlassen. Aber auch welche Unsicherheit die Zeit zwischen 20 und 30 bereithält, welche Wege man nehmen könnte (müsste?), warum man sie nicht nimmt, was hätte sein können. Und dann diese bedingungslose Liebe an die man nicht glauben kann, wenn nichts sonst im Leben bedingungslos ist.

„Normal People“ ist der ideale Titel. Ein bisschen Marianne und Connell steckt in uns allen. Und wenn nach außen hin alles normal aussieht, so können sich innendrin die größten Dramen abspielen!

Sally Rooney
Normal People
Faber & Faber 2018
265 Seiten
978-0-571-33465-0

Erster Satz:
Marianne answers the door when Connell rings the bell.

Wenn ihr jung seid: Lest das Buch! Anderen geht es auch so – oder noch schlimmer!

Wenn ihr älter seid: Lest das Buch! Erinnert euch an eure Zweifel, habt Verständnis, seid froh, dass ihr ganz viele Fragen bereits beantwortet habt.

Das Leben ist „Weiterwurschteln“ wie Josef Hader mal gesagt hat. Sally Rooney schreibt davon.

PS: Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass man Bücher nicht bei Amazon kaufen darf.

Dörte Hansen, Mittagsstunde, gelesen von Hannelore Hoger

Dörte Hansen, Mittagsstunde, gelesen von Hannelore Hoger

Dörte Hansen ist eine Sprachmalerin. In ihren Geschichten passiert nicht viel. Die Menschen leben ihr ganz normales Leben auf (sic!) dem Dorf. Und obwohl nichts Außergewöhnliches geschieht, macht es große Freude der Story zu folgen! So auch Mittagsstunde: Hansen erzählt die Geschichte der Familie Feddersen und des langsamen Untergangs ihres Bauerndorfes in Ostfriesland.

Hansen entwirft ein wunderbares norddeutsches Stilleben. Kauzige Charaktere, verschliffen vom stets wehenden Wind auf der Geest. Eine großartig biedere Geschichte, mit all den kleinen Tragödien, den Liebesgeschichten, den Enttäuschungen und Hoffnungen, die so ein normales Leben nun mal mit sich bringt. Und schicksalsergebene Toleranz und Langmut bis zur Unaushaltbarkeit.

Das Plattdeutsch, das immer wieder vorkommt, muss man nicht verstehen. Es bildet den rauen Soundtrack. Vielleicht als Kontrast zu den stets präsenten picksüßen deutschen Schlagern …

Die Vorleserin, Hannelore Hoger (bekannt aus dem Fernsehen als „Bella Block“), schnarrt den Text mehr als sie ihn spricht. Sie ist total authentisch, sie spricht – in meinen Ohren – originales Plattdeutsch. Englisch liegt ihr weniger 😉 Als läse sie den Text zum ersten Mal, schleicht sich in ihre Stimme immer dann ein Lächeln, wenn der Text witzig wird. Manchmal liest sie so monoton wie ich mir das flache – flurbereinigte – Ostfriesland – vorstelle.

War ich von „Altes Land“ schon begeistert, so hat mich Dörte Hansen einmal mehr beeindruckt mit ihrem großen Repertoire an überraschenden Sprachbildern. Elf Stunden, in denen nichts passiert, und einem dennoch nie langweilig ist!

Hörbuch Mittagsstunde mit Preisangabe von € 22,70

Eva Schmid, Die untalentierte Lügnerin

Eva Schmid, Die untalentierte Lügnerin

Ich hab mich ja bemüht, heuer nur Autorinnen zu lesen. (Wobei mir Stephan Zweig mit seiner Magellan-Biografie untergejubelt wurde. Tauchte plötzlich auf meinem Nachtkästchen auf, genau zu dem Zeitpunkt als ich Buch- und somit Schutz-los war…)

Also Eva Schmid, weil, Österreicherin, Ö1-Buch des Monats und Longlist des Deutschen Buchpreieses und „So geht das Wunder von Literatur“ (Klappentext, Sabine Vogel, Berliner Zeitung). Mhm. Sicher gut geschrieben. Aber ich fange mit so ereignislosen, vor sich hinplätschernden Schilderungen banaler Leben einfach nichts an. Erinnerte mich sehr an Friederike Gösweiner Traurige Freiheit.

Es macht nichts in mir, es macht nichts mit mir.

Eine junge Frau, die keine einfache Kindheit hatte (kein Vater, desinteressierte Mutter, verstreute Brüder), weiß nicht, wie es in ihrem Leben weitergehen soll. Dank ihres reichen Stiefvaters – der einzige, dem scheinbar etwas an ihr liegt – hat sie keine materiellen Sorgen. Sie jobbt in einem Museum, geht oberflächliche Bindungen ein, löst sie wieder. Zum Schluss – naja, lest selbst.

Wie ein gut komponiertes, monotones Musikstück lullt einen der Text ein. Man merkt kaum, dass man ein paar Zeilen verpasst hat, weil einem die Augen zugefallen sind. Dann ist es aus und man denkt sich: „Und?“ oder auch „Jo, eh.“ Dabei mag ich durchaus leise Bücher, wie zum Beispiel von einem meiner Lieblingsautoren Peter Henisch. Auf 208 Seiten habe ich mir keinen einzigen be-merkenswerten Satz angestrichen…

buchdeckel eva schmidt
Eva Schmidt
Die untalentierte Lügnerin
Jung und Jung
208 Seiten
978 3 99027 230 5

Erster Satz:
Mit neunzehn war Maren zum ersten Mal von zuhause ausgezogen

Doris Knecht, Gut, ihr habt gewonnen

Doris Knecht, Gut, ihr habt gewonnen

Ich gestehe gleich: Ich bin Knecht-Fan. Immer schon gewesen. Ich liebe ihre Kolumnen und verschlinge ihre Romane. Erwartet euch also kein objektives Urteil. Wobei hier auf meinem Blog ohnehin alles total subjektiv ist 😉

Gut, ihr habt gewonnen ist eine Sammlung von Kolumnen, die schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben – um genau zu sein 10. Ich habe das Buch nur deshalb gekauft, weil ich auf der Secondhand-Medienplattform Momox etwas anderes gekauft habe, da ging das gleich mit… so wie der Roman Besser ebenfalls von der Knecht.
Der Lange (ihr Mann) ist mittlerweile Geschichte, die Mimis (ihre Zwillingstöchter) sind (fast) erwachsen. Dieses Wissen schmälert den Spaß an den kurzen Geschichten gar nicht. Im Gegenteil: Manches erklärt sich quasi retrospektiv 😉  Und wenn man selbst Elt (Einzahl von „Eltern“, die unbedingt Eingang in den Duden finden sollte) ist,  und die Trotz- und sonstigen Phasen der Fratzen noch gut in Erinnerung hat, kann man gemeinsam zurückblicken und sich denken: ja es war schon zach, und unfair und mühsam. Aber dennoch blickt man wehmütig darauf zurück. Seufz!

Gut, ihr habt gewonnen ist allen zu empfehlen, die Kinder haben, die noch klein sind – die Geschichten sind kurz, man kann sie gut zwischen zwei Wutanfällen lesen. Oder schon groß und gelassen genießen.

Doris Knecht, Gut ihr habt gewonnen
Doris Knecht, Gut ihr habt gewonnen
Czernin Verlag
175 Seiten
978 3 7076 0274 6

Es ist aber auch der Beweis dafür, dass es uns geht. Dass unsere Sorgen klein sind, und wir uns nicht ums Essen Gedanken machen müssen, sondern ums gute Essen. Es macht dankbar und demütig (also  mich zumindest).

Wer mehr Kolumnen von Doris Knecht lesen will muss unbedingt den Falter abonnnieren. (Aber das muss man heutzutage sowieso! ) Und/oder ihr fangt an mit So geht das! Wie man fidel verspießert, meine Knecht-Einstiegsdroge. (Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!)

Erster Satz:

Noch immer existieren Freunde, die unsere Urlaubsfotos nicht gesehen haben.

Gertrude Pressburger, Gelebt, erlebt, überlebt

Gertrude Pressburger, Gelebt, erlebt, überlebt

Gertrude Pressburger hat den Holocaust überlebt. Als „Frau Gertrude“ hat sie 2016 mit ihrem eindringlichen Videappell wahrscheinlich den Bundespräsidentenwahlkampf zugunsten  von Alexander Van der Bellen entschieden.

Ihre Geschichte hat sie 90jährig der Journalistin Marlene Groihofer erzählt. Es ist kein literarisches Meisterwerk. Es ist die sehr authentische Geschichte eines Kindes, das Rassismus, Vertreibung und die Gräuel in den NS-Konzentrationslagern am eigenen Leib erlebt hat.

Gertrude lebt mit ihren 2 Brüdern, ihrem Vater und ihrer Mutter in Meidling. Ihr Vater ist Tischler. Sie leben in einfachen Verhältnissen. Die familiäre Verbundenheit ist groß. Beim Anschluss Österreichs ist Gertrude 10 Jahre alt. Bald beginnen die Schikanen – staatliche wie „private“. Es folgt eine Flucht-Odysee mit vielen Stationen, unter teilweise bereits schrecklichen Umständen. In Yugoslawien wird die ganze Familie 1944 schließlich verhaftet und nach Ausschwitz deportiert. Gertrudes Mutter und ihre beiden Brüder werden gleich nach der Ankunft ermordet. Das Schicksal ihres Vaters ist lange ungewiss. Doch auch er überlebt nicht. Nur Gertrude.

Marlene Groihofer ist Gertrude Pressburgers Chronistin. Sie greift nicht spürbar in die Erzählung ein. Die einfachen Worte, mit denen Gertrude Pressburger ihre Erlebnisse, ihre Gefühle schildert, werden dadurch umso eindringlicher.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der dieses Buch liest, jemals Sympathien für rechtsnationale, rassistisches Gedankenagut aufbringen kann.

Kauft es, lest es, verschenkt es. Schickt es den LehrerInnen eurer Kinder oder gebt es ihnen selbst zu lesen. Gertrude Pressburger war 10 Jahre alt, als der Nazi-Alptraum für sie begann. Vielleicht ist das zu früh, so ein Buch zu lesen. Wobei, wenn ich mir vostelle, wieviele Tote, Morde und Gemetzel Kinder bis zu ihrem 10 Lebensjahr im TV oder im Computerspiel gesehen bzw. „begangen“ haben, ist es vielleicht doch nicht zu früh!

Es wird nicht mehr lange Zeitzeugen geben, die berichten können, wie alles begann, und welche unvorstellbaren Grausamkeiten tatsächlich verübt wurden – ganz legal.

Gertrude Pressburger, Marlene Groihofer
Gelebt, erlebt, überlebt
Zslonay Verlag
204 Seiten
978 3 552 05890 3

Erster Satz: Es gibt Nächte, in denen fällt es mir schwer, einzuschlafen.

 

Anna Herzig, Sommernachtsreigen

Anna Herzig, Sommernachtsreigen

Warten zwei Männer auf den Nachtbus, sagt der eine …

Anna Herzigs Sommernachtsreigen liest sich ein bisserl wie ein (langer) Witz. Jedenfalls wie ein urwienierisches Gschichtl. Kann wahr sein, muss aber nicht. Mit viel Humor erzählt. Viele alkoholinspirierte Lebensweisheiten. Nüchterne Bonmots gibt die Erzählerin von sich. Die bringt Ordnung in das chaotische Leben von Bertl, Pawel und Johanna.

Es ist eine Geschichte über Liebe, Ehrlichkeit, Mut, Schicksal, falsche und richtige Entscheidungen. Über Ottakring und Instanbul. Und am Ende wird der Pawel bemerken, dass ihm „ein ganz neues Paar Augen geschenkt worden“ ist und die Johanna wird nach Istanbul fahren.

Und du wirst froh sein, das Gschichtl gelesen zu haben. Sonst wären dir Sätze entgangen wie:

Das Leben gibt dir viel, aber ganz sicher keine Anleitung.

Sich aus seiner von Geburt an zugeteilten Haut herauszuschälen, ist kein angenehmer Vorgang.

Zwischen zwei Frauen zu sein, ist nur spannend, wenn man nackt ist.

Keiner sucht sich aus, was er für einen Kopf hat.

Rudern, kentern, blöd schauen und keinen Plan zu haben, welche Richtung gut ist, gehört halt auch zum Menschsein dazu.

Wahnsinn kann zart sein und muss nicht immer klinische Symptome aufweisen.

Anna Herzig
Sommernachtsreigen
Voland & Quist
176 Seiten
9783863912024

Voland & Quist ist ein spannender, kleiner, unabhängiger Verlag aus Deutschland. Er wurde 2004 gegründet und steht für junge, zeitgemäße Literatur. Vielen Büchern liegt eine CD bei (diesem nicht), auf der sich neben Lesungen der AutorInnen selbst oft auch Bonusmaterial befindet. Der Verlag veröffentlicht hauptsächlich Lesebühnenliteratur, Spoken-Word-Lyrik, Romane und Erzählungen junger osteuropäischer AutorInnen sowie Kinderbücher.

Erster Satz:

„Wir müssen ehrlich sein, Hannerl“, sagt der Bertl zu seiner Frau.

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Frei Haus geliefert von Hartliebs Bücher

Juli Zeh, Leere Herzen – Hörspiel

Juli Zeh, Leere Herzen – Hörspiel

Eine dystopische Geschichte von einer der spannendsten deutschen Autorinnen der Gegenwart, Juli Zeh. Nicht so gut wie Unter Leuten – aber das war ja auch was für die ewige Bestenliste – aber ein kleiner, würziger akustischer Snack, der uns die Fahrt von Wien nach Laibach deutlich verkürzt hat. (Und die Ablenkung haben wir gebraucht, sind wir doch bei Seebenstein draufgekommen, dass wir unsere Pässe zuhause vergessen hatten!!!)

Es spielen nicht viele Personen mit in Leere Herzen. Man behält leicht den Überblick. Vor allem auch, da eine Erzählerin zum Einsatz kommt.

Ist Juli Zeh in Unter Leuten noch eher liebe- und humorvoll mit ihren ProtagonistInnen umgegangen, so kommt Leere Herzen genauso kalt rüber, wie der Titel es verspricht. Es ist eine zynische Geschichte, die jedoch völlig logisch das Heute in eine post-Merkel-Ära fortschreibt. Dass was nicht „stimmt“, zeigt sich nur darin, dass die Protagonistin Britta an chronischer Übelkeit und Bauchschmerzen leidet. Kein Wunder, betreibt sie doch eine Vermittlungsagentur für Selbstmörder. Wenn schon freiwllig Sterben, dann für ein „höheres Ziel“. Welches Ziel, das bestimmen Britta und Babak mit ihrer Agentur „Die Brücke“. Die Kunden reißen sich um Brittas Klienten, denn nichts ist so gefährlich, wie jemand, der bereit ist zu sterben. Doch neue Konkurrenz drängt auf den Markt. Bald ist nicht nur Brittas Firma bedroht sondern auch ihr Leben.

Die Geschichte ist nicht so packend, wie sie sein könnte. Dazu ist sie zu kalt erzählt. (Ich habe auch dauernd den Titel „Kalte Herzen“ im Kopf …) Aber das passt ja auch wieder ganz gut. In bisschen mehr als 2h ist man durch. Und dann ist man schon ein bissl erschüttert und fragt sich, ob das nicht alles so oder so ähnlich wirklich passieren könnte… (Wobei das mit „Merkel muss wieder her“ schon ein bissl deppert ist!)

Leere Herzen gibt´s auch als Hörbuch. Hier gibt´s einen interessanten Vergleich zwischen Hörbuch und Hörspiel.

Juli Zeh, Leere Herzen
Hörspiel mit Bettina Hoppe, Rainer Bock, […] MDR Kultur, 978-3-8445-2912-8
2 CDs, Gesamtlaufzeit 2h 6m
Hier geht´s zur Hörprobe.

Was allgemein nervt:

Es gibt keine mir bekannte App, die es mir erlaubt, ein Hörbuch, das auf CD daherkommt, ordentlich auf mein iPhone zu übertragen. Ich hab dann am iPhone „je zweimal „Titel1“ und „Titel2“ etc., manchmal auch komplett durcheinander. Unhörbar. Bitte: Wir können Teslas ins All befördern, mein Telefon weiß jederzeit wo ich mit wem bin, Roboter besiegen Menschen beim GO, da wird´s doch auch möglich sein, ein kleines Programmerl zu schreiben, mit dem das funktioniert! Danke.

Dieses Hörbuch wurde mir übrigens gratis zur Verfügung gestellt von Randomhouse.de

Unbedingt hören: Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann.

Unbedingt hören: Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann.

Solltest du dir je überlegt haben, selbst einen Roman zu schreiben, wird dich dieses (Hör-)Buch eines Besseren belehren. Es kann nur wenig kommen, das klüger + feinfühliger + liebevoller + komischer (im Sinne von skurril)  daherkommt, als Mariana Lekys Was man von hier aus sehen kann. Ich hab sowas noch nie gelesen (gehört). Am ehesten erinnert es mich an skandinavische Komödien (Ein Mann namens Ole; Elling). Jedenfalls ganz großes Kino, das uns aus diesem kleinen Dorf im deutschen Westerwald geliefert wird. Ein Buch für meine ganz persönliche Bestenliste!

Dieses Buch wurde ohne jeden Zweifel von einer alten, schönen Seele geschrieben …

Selma sieht den Tod voraus. Immer wenn ihr ein Okapi (sic!) im Traum erscheint, wird jemand aus dem Dorf sterben. Im Angesicht des eventuell bevorstehenden Todes – Selma weiß nicht wen es treffen wird – wollen die DorfbewohnerInnen lieber ihre Angelegenheiten in Ordnung bringen. Dass das mitunter noch viel komplizierter ist, als sie sich das ohnedies vorstellen und mitunter Jahrzehnte dauern kann, davon handelt dieses großartige kleine Buch. Und von Aufhockern und Verschreckungen und wie man sie wieder los wird und von einem buddhistischen Mönch, den man auf keinen Fall mehr loswerden will.

Das ideale Weihnachtsgeschenk für alle, die keine Action brauchen um bewegt zu sein.

Ihr solltet euch (bzw. den Beschenkten) unbedingt (auch) die Hörbuch-Version gönnen.  Sandra Hüllers Stimme passt perfekt in diese quasi-skandinavische Umgebung.  Sie trifft jeden Ton genau und trägt – ich hab das Buch (noch) nicht gelesen – ungemein zur Stimmung der Geschichte bei.

wasmanvonhieraussehenkann
Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann
Gesprochen von: Sandra Hüller
Spieldauer: 08 Std. 01 Min.
Anbieter: tacheles! / Roof Music

Hier geht´s zur Hörprobe

 

Ronja von Rönne, Heute ist leider schlecht

Ronja von Rönne, Heute ist leider schlecht

Wer auf den Misantropen wohnt, ein Wochenendhäuschen in der Fickt-Euch-Allee sein Eigen nennt, wer auf Sarnagel-Humor gepaart mit deutscher Schnoddrigkeit steht, ist bei der Frau mit dem coolen Namen genau richtig. Heute ist leider schlecht ist eine Kolumnensammlung für schlechte-Laune Tage, oder eigentlich jeden Tag, denn schlecht kann der Tag ja noch werden. Nicht umsonst heißt das Buch im Untertitel „Beschwerden ans Leben“.

Ich lese ja immer mit dem Bleistift in der Hand, um mir Bemerkenswertes zu markieren. (Übrigens ein irrsinniger Nachteil von Hörbüchern! Das mit dem Markieren hab ich bis jetzt nicht durchschaut.) Bei von Rönne legte ich den Bleistift gar nicht mehr aus der Hand. Diese noch so junge Frau (Jahrgang 1992!) ist manchmal bemerkenswert weise – teil-weise sozusagen. (Bitte um Applaus für diesen großartigen Wortwitz!) Eine scharfzüngige Beobachterin („Der moderne Lebenslauf: Geburt, Schule, Arbeit, Burn-out, Ayurveda-Auszeit in Indien und Bikram-Yoga-Kurse in Berlin-Mitte.“), eine Nix-Scheißerin, eine Shitstorm-Küche quasi. Naja mit ein bisserl was über 20 darf frau auch noch mit antifeministischem Blödsinn provozieren. Wer fesch und jung ist, glaubt ja wirklich noch an die eigene Unverwundbarkeit!

Wer schon mal daran gedacht hat, ein Buch zu schreiben muss die Kolumne „So ist Schreiben“ lesen: Köstlich! (Natürlich ein bisserl kokett nachdem Wir kommen, ihr Debutroman nicht nur beim Feuilleton ganz gut ankam.)

Alle Paarungswilligen (im Sinne von Paar-Werdung, nicht das was ihr denkt!) werden auch beim Beginn der Kolumne „Wie man eine gesunde Beziehung führt“ ein Déja-vu haben: „Als Erstes trifft man sich in einer Bar und guckt. Dann schraubt man seine Ansprüche herunter und guckt nochmal.“

Das Kapitel über den Urlaub punktet mit der tiefen Einsicht: „Wer im Urlaub unglücklich ist, lernt vor allem eines: dass Zufriedenheit nichts ist, was sich automatisch einstellt, wenn nur alles Unangenehme aus den Tagen radiert wird, dass das Verzagen tiefer sitzt, knapp unter der Bauchdecke vielleicht.“

Oder das Kapitel über Familie: „Denn natürlich heißt Familie nicht „Leute mit wuscheligen Haaren und gutsitzenden Hosen, die ich aufgrund ähnlicher politischer Einstellungen und Humorverständnis ganz fabelhaft finde. Familiengeschichten  sind deshalb interessant und Stoff für Romane und Filme, weil Familie im seltensten Fall aus Leuten besteht, mit denen man so auch befreundet wäre. Familie das ist ist ein unordentlicher Knoten, ein Haufen komischer Leute mit irritiereden Interessen und seltsamen Frisuren, die ständig mit vollem Mund reden und alle die gleiche Stupsnase haben. In den allermeisten Fällen fragt man sich ungefähr ab dem achten Lebensjahr, ob man nicht den Einhorn-Schulranzen (Alles klar, von welcher Generation wir sprechen ? Anm. d. Red.) mit ein paar belegten Broten und der Kuscheldecke füllen sollte, um dann weit, weit fort zu laufen von diesen furchtbaren Menschen, die behaupten einen zu lieben, und einem dann Rote Beete zu Abendessen vorsetzen. Später wird das nicht besser. Eltern, das sind im besten Falle Leute die einem schöne Dinge (Koma-Saufen) verbieten und zu schrecklichen Dingen (Lebertran-Saufen) zwingen wollen. Eltern haben keinen Geschmack. Eltern hören schlechte Musik. Eltern sind scheiße angezogen. Eltern geben wenig Taschengeld. Eltern verstehen gar nichts. Eltern wissen  nicht was Instagram ist. Opfer. (…) Familie, das ist ein einziges, großes „Trotzdem“.“

Ronja von Rönne Heute ist leider schlecht: Beschwerden ans Leben. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2017 978-3-596-03703-2 208 Seiten
Ronja von Rönne
Heute ist leider schlecht:
Beschwerden ans Leben.
S. Fischer Verlag
Frankfurt am Main 2017
978-3-596-03703-2
208 Seiten

Erster Satz: „Wenn ich an meine Kindheit denke, erinnere ich mich nur an Millionen Kieferorthopädenbesuche und AOL-CD Roms.“

Wer trotz dieses ersten Satzes jetzt mehr von von Rönne lesen möchte, kann die Welt am Sonntag abonnieren oder aber ihren Blog Sudelheft lesen. Dort sind auch viele Fotos, die klarmachen, wo für mich die Parallelen zu Stefanie Sargnagel liegen 😉

Han Kang, Die Vegetarierin

Han Kang, Die Vegetarierin

Es war eine demokratische Entscheidung des Literarischen Quartetts (Aufmerksame LeserInnen werden bemerkt haben, dass uns schon ein Mitglied abhanden gekommen ist…), Die Vegetarierin der Südkoreanerin Han Kang zu lesen. Meine Stimme hatte sie nicht bekommen. (Ich hatte zum 2. Mal erfolglos für Peter Henisch Suchbild mit Katze gevoted.)  Trotz des vielen Lobes – „Meisterwerk“ Faz, „…bigger than Life“ Tagesspiegel, „ein Fest“ The Guardian und der direkten Anordnung „Sie müssen dieses Buch lesen!“ von Arnon Grunberg – war ich skeptisch: Skurrilität mag ich nur in Verbindung mit Humor. Und SüdkoreanerInnen waren mir bisher nicht als besonders witzig bekannt. Wobei ich zugebe, nur sehr wenige SüdkoreanerInnen zu kennen.

Aber abgemacht ist abgemacht. Ich hab mich in Die Vegetarierin hineingequält. Es ist nicht so, dass es nicht interessant wäre. Der schnörkellose Stil, die totale Unaufgeregtheit trotz des aufwühlenden Inhaltes, die doch sehr schräge Idee. Aber es hat mich nicht gepackt. Gar nicht. So sehr nicht, dass ich 30 Seiten vor Schluss (!) aufgehört habe zu lesen. Es hat mich schlichtweg nicht mehr interessiert. Das Bisschen Beziehung, das ich zur Protagonistin aufgebaut hatte, wurde jäh gekappt. Die neue Hauptdarstellerin war bisher kaum in Erscheinung getreten. Eine Randfigur, die kurz vor Schluss ins Zentrum der Geschichte gerückt wird.

Soll sein, aber nicht mit mir. Meine Lebenszeit ist mir mittlerweile zu knapp, um mich zu langweilen. Han Kang wird, das Lesezeichen auf S.161 verewigt, in die Bibliothek verbannt.

Meiner Freundin Ines hingegen hat das Buch sehr gut gefallen. Sie fand es sogar sexy!

Wer sich selbst ein Urteil bilden will, kann das Buch bei meiner neuen Lieblingsbuchhandlung Hartliebs bestellen. Hartliebs liefert versandkostenfrei. No need for Amazon!

Han Kang
Die Vegetarierin
aufbau Verlag
978 3 351 03653 9
190 Seiten

Erster Satz: „Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar.“