Elizabeth Strout, Die langen Abende

Elizabeth Strout, Die langen Abende

Für manche Bücher ist man zu alt, für andere ist man zu jung. Für den Roman der amerikanischen Pulitzer-Preis-Gewinnerin Elizabeth Strout bin ich jedenfalls (noch?) nicht die richtige Zielgruppe. Wobei: Wer will schon zu irgendeinem Zeitpunkt so genau wissen, wie es sich anfühlt zu altern? Ich meine: So richtig zu altern! Mit Inkontinenz und Demenz und weiteren entwürdigenden Zuständen.

Aber wenn man darüber lesen will, dann ist Strouts Heldin Olive Kitteridge die richtige. Schon immer widerborstig und vorlaut, bewältigt sie auch die Herausforderungen des Älterwerdens mit distanzierter Selbstironie. Die Einsamkeit, unter der sie zuweilen leidet, macht sie nicht angepasster. Da sie oft einfach sagt was sie denkt, kommt sie mit ihren Mitmenschen nicht gut aus. Dabei verbirgt sie hinter ihrer Ruppigkeit ein mitfühlendes Herz und ehrliches Interesse.

Strout, Jahrgang 1956, beschreibt die Fogen und Begleitumstände des Alterns schonungslos: die Kinder, die sich – auch weltanschaulich – entfernen, die Freund*innen und Ehemänner, die wegsterben, der Verlust der Attraktivität – und damit einhergehend die Erkenntnis, dass sich niemand mehr in einen verlieben wird. Es sind ein paar große und tausend kleine Abschiede, die Olive hinnehmen muss. Mal gelingt ihr das besser, mal schlechter.

Dennoch ist Die langen Abende kein deprimierendes Buch. Olives genaue Beobachtungsgabe, ihre unzensurierten Schlussfolgerungen und ihre Schnoddrigkeit machen das Buch eher lustig zu lesen. Vor allem dann, wenn man es schafft, zu verdrängen, dass wir alle (hoffentlich?) einmal so alt werden…


Elizabeth Strout
Die langen Abende
übersetzt von Sabine Roth
352 Seiten
btb Taschenbuch
978-3-442-77049-6

Erster Satz

An einem Samstag im Juni, kurz nach Mittag, setzte Jack Kennison die Sonnenbrille auf, ließ das Verdeck seines Sportwagens herunter, spannte den Gurt über seinen nicht eben kleinen Bauch und fuhr von Crosby, Main, hinüber ins fast eine Stunde entfernte Portland, um sich seinen Whiskey dort zu kaufen, weil ihm nicht danach war, im hiesigen Lebensmittelladen Olive Kitteridge in die Arme zu laufen.

George Packer, Die Abwicklung

George Packer, Die Abwicklung

Mehrfach ausgezeichnetes Buch über den (wirtschaftlichen) Niedergang der USA seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Fesselnd geschrieben und auch für nicht-Auskennerinnen ein Sachbuch, das frau zügig durchliest.

Packer, Mitglied der Redaktion des New Yorker, liefert in Die Abwicklung – Eine innere Geschichte des neuen Amerika – tiefe Insights in ein kaputtes politische System, in dem die Demokratie praktisch abgeschafft ist. Präsidenten und Gesetze werden von Kapital und Konzern-Lobbyisten gemacht. Die BügerInnen sind nur noch zur quasi-Legitimation da und zur (finanziellen) Ausbeutung. Was Amerika heute noch zusammenhält ist die Gier.

Packer analysiert das System anhand paralleler Biografien – wie z.B. jener der einfachen Industriearbeiterin Tammy Thomas, der des Politikberaters Jeff Connaughton, der jahrelang den Republikaner Joe Biden unterstützte oder des Biodiesel-Pioniers Dean Price. Auch in unseren Breiten bekanntere Persönlichkeiten wie Oprah Winfrey, Silicon Valley-Milliardär Peter Thiel oder der Rapper Jay Z kommen vor.

Ausführlich beschreibt der Autor die Finanz- und Immobilienkrise und wer davon am meisten profitiert (hat). Er legt dar, warum bisher niemand Rechenschaft ablegen musste dafür, dass hundertausende Amerikaner ihr Erspartes und/oder ihr Dach über dem Kopf verloren haben.

Es ist eine fesselnde, wenn auch bestürzende Geschichte, die Packer erzählt. Am Ende wünscht man sich, dass alles nur erfunden wäre. Ein packender Wirtschaftskrimi, der nichts mit der Realität zu tun hat …

 

die Abwicklung
George Packer
Die Abwicklung
übersetzt von Gregor Hens
Verlag S. Fischer
512 Seiten
9783100001573

The Unwinding heißt das Buch im Original. Es wurde mit dem National Book Award ausgezeichnet und erhielt in den USA wie auch im deutschsprachigen Raum hymnische Rezensionen. So schreibt z.B. Die Zeit: „Die Abwicklung ist besser als jeder Roman.“, die New York Times Book Review: „Packend, tief berührend, herausragend erzählt.“

Erster Satz: Niemand kann mit Sicherheit sagen, wann die Abwicklung begann – wann die Bürger Amerikas zum ersten Mal spürten, dass die Bande sich lösten, die sie sicher, manchmal erdrückend fest wie eine eng gewicklete Spule, zusammengehalten hatten.“