Unbedingt hören: Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann.

Unbedingt hören: Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann.

Solltest du dir je überlegt haben, selbst einen Roman zu schreiben, wird dich dieses (Hör-)Buch eines Besseren belehren. Es kann nur wenig kommen, das klüger + feinfühliger + liebevoller + komischer (im Sinne von skurril)  daherkommt, als Mariana Lekys Was man von hier aus sehen kann. Ich hab sowas noch nie gelesen (gehört). Am ehesten erinnert es mich an skandinavische Komödien (Ein Mann namens Ole; Elling). Jedenfalls ganz großes Kino, das uns aus diesem kleinen Dorf im deutschen Westerwald geliefert wird. Ein Buch für meine ganz persönliche Bestenliste!

Dieses Buch wurde ohne jeden Zweifel von einer alten, schönen Seele geschrieben …

Selma sieht den Tod voraus. Immer wenn ihr ein Okapi (sic!) im Traum erscheint, wird jemand aus dem Dorf sterben. Im Angesicht des eventuell bevorstehenden Todes – Selma weiß nicht wen es treffen wird – wollen die DorfbewohnerInnen lieber ihre Angelegenheiten in Ordnung bringen. Dass das mitunter noch viel komplizierter ist, als sie sich das ohnedies vorstellen und mitunter Jahrzehnte dauern kann, davon handelt dieses großartige kleine Buch. Und von Aufhockern und Verschreckungen und wie man sie wieder los wird und von einem buddhistischen Mönch, den man auf keinen Fall mehr loswerden will.

Das ideale Weihnachtsgeschenk für alle, die keine Action brauchen um bewegt zu sein.

Ihr solltet euch (bzw. den Beschenkten) unbedingt (auch) die Hörbuch-Version gönnen.  Sandra Hüllers Stimme passt perfekt in diese quasi-skandinavische Umgebung.  Sie trifft jeden Ton genau und trägt – ich hab das Buch (noch) nicht gelesen – ungemein zur Stimmung der Geschichte bei.

wasmanvonhieraussehenkann
Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann
Gesprochen von: Sandra Hüller
Spieldauer: 08 Std. 01 Min.
Anbieter: tacheles! / Roof Music

Hier geht´s zur Hörprobe

 

Ronja von Rönne, Heute ist leider schlecht

Ronja von Rönne, Heute ist leider schlecht

Wer auf den Misantropen wohnt, ein Wochenendhäuschen in der Fickt-Euch-Allee sein Eigen nennt, wer auf Sarnagel-Humor gepaart mit deutscher Schnoddrigkeit steht, ist bei der Frau mit dem coolen Namen genau richtig. Heute ist leider schlecht ist eine Kolumnensammlung für schlechte-Laune Tage, oder eigentlich jeden Tag, denn schlecht kann der Tag ja noch werden. Nicht umsonst heißt das Buch im Untertitel „Beschwerden ans Leben“.

Ich lese ja immer mit dem Bleistift in der Hand, um mir Bemerkenswertes zu markieren. (Übrigens ein irrsinniger Nachteil von Hörbüchern! Das mit dem Markieren hab ich bis jetzt nicht durchschaut.) Bei von Rönne legte ich den Bleistift gar nicht mehr aus der Hand. Diese noch so junge Frau (Jahrgang 1992!) ist manchmal bemerkenswert weise – teil-weise sozusagen. (Bitte um Applaus für diesen großartigen Wortwitz!) Eine scharfzüngige Beobachterin („Der moderne Lebenslauf: Geburt, Schule, Arbeit, Burn-out, Ayurveda-Auszeit in Indien und Bikram-Yoga-Kurse in Berlin-Mitte.“), eine Nix-Scheißerin, eine Shitstorm-Küche quasi. Naja mit ein bisserl was über 20 darf frau auch noch mit antifeministischem Blödsinn provozieren. Wer fesch und jung ist, glaubt ja wirklich noch an die eigene Unverwundbarkeit!

Wer schon mal daran gedacht hat, ein Buch zu schreiben muss die Kolumne „So ist Schreiben“ lesen: Köstlich! (Natürlich ein bisserl kokett nachdem Wir kommen, ihr Debutroman nicht nur beim Feuilleton ganz gut ankam.)

Alle Paarungswilligen (im Sinne von Paar-Werdung, nicht das was ihr denkt!) werden auch beim Beginn der Kolumne „Wie man eine gesunde Beziehung führt“ ein Déja-vu haben: „Als Erstes trifft man sich in einer Bar und guckt. Dann schraubt man seine Ansprüche herunter und guckt nochmal.“

Das Kapitel über den Urlaub punktet mit der tiefen Einsicht: „Wer im Urlaub unglücklich ist, lernt vor allem eines: dass Zufriedenheit nichts ist, was sich automatisch einstellt, wenn nur alles Unangenehme aus den Tagen radiert wird, dass das Verzagen tiefer sitzt, knapp unter der Bauchdecke vielleicht.“

Oder das Kapitel über Familie: „Denn natürlich heißt Familie nicht „Leute mit wuscheligen Haaren und gutsitzenden Hosen, die ich aufgrund ähnlicher politischer Einstellungen und Humorverständnis ganz fabelhaft finde. Familiengeschichten  sind deshalb interessant und Stoff für Romane und Filme, weil Familie im seltensten Fall aus Leuten besteht, mit denen man so auch befreundet wäre. Familie das ist ist ein unordentlicher Knoten, ein Haufen komischer Leute mit irritiereden Interessen und seltsamen Frisuren, die ständig mit vollem Mund reden und alle die gleiche Stupsnase haben. In den allermeisten Fällen fragt man sich ungefähr ab dem achten Lebensjahr, ob man nicht den Einhorn-Schulranzen (Alles klar, von welcher Generation wir sprechen ? Anm. d. Red.) mit ein paar belegten Broten und der Kuscheldecke füllen sollte, um dann weit, weit fort zu laufen von diesen furchtbaren Menschen, die behaupten einen zu lieben, und einem dann Rote Beete zu Abendessen vorsetzen. Später wird das nicht besser. Eltern, das sind im besten Falle Leute die einem schöne Dinge (Koma-Saufen) verbieten und zu schrecklichen Dingen (Lebertran-Saufen) zwingen wollen. Eltern haben keinen Geschmack. Eltern hören schlechte Musik. Eltern sind scheiße angezogen. Eltern geben wenig Taschengeld. Eltern verstehen gar nichts. Eltern wissen  nicht was Instagram ist. Opfer. (…) Familie, das ist ein einziges, großes „Trotzdem“.“

Ronja von Rönne Heute ist leider schlecht: Beschwerden ans Leben. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2017 978-3-596-03703-2 208 Seiten
Ronja von Rönne
Heute ist leider schlecht:
Beschwerden ans Leben.
S. Fischer Verlag
Frankfurt am Main 2017
978-3-596-03703-2
208 Seiten

Erster Satz: „Wenn ich an meine Kindheit denke, erinnere ich mich nur an Millionen Kieferorthopädenbesuche und AOL-CD Roms.“

Wer trotz dieses ersten Satzes jetzt mehr von von Rönne lesen möchte, kann die Welt am Sonntag abonnieren oder aber ihren Blog Sudelheft lesen. Dort sind auch viele Fotos, die klarmachen, wo für mich die Parallelen zu Stefanie Sargnagel liegen 😉

Wolf Küper, Eine Million Minuten

Wolf Küper, Eine Million Minuten

Bei manchen Büchern geht´s ja mehr um das Was als um das Wie – gerade bei True Storys. Insofern darf man sich stilistisch nicht zu viel erwarten bei  Wolf Küpers Eine Million Minuten. Dafür ist seine Geschichte umso rührender und netter und zeitgemäßer. Und auf jeden Fall lesenswert!

Der erfolgreichen Forscher Wolf Küper hat eine geistig behinderte Tochter. Der Umgang mit ihr beansprucht sehr viel Zeit und Geduld. Hauptbetreuungsperson ist die Mutter, während der Vater eine steile Karriere hinter und eine noch steilere vor sich hat. Er ist wenig zuhause, mit Aussicht auf noch weniger. Als Nina, seine Tochter, ihm eines Abends sagt: „Ach Papa, ich wünschte wir hätten eine Million Minuten. Nur für die ganz schönen Sachen, weißt du?“, stellt er seinen – scheinbar bilderbuchartigen – Weg infrage. „Erst die Arbeit dann das Spiel. Erst die Realität dann die Träume. Erst der Jackpot, dann die Reise. Aber eigentlich braucht man doch gar keine Million Euro. Sondern eine Million Minuten!“

Die Familie kommt zu der Entscheidung, sich diese Million Minuten zu nehmen, auf große Reise zu gehen und die Karriere zu verschieben. (Oder sie aufzugeben? Was nach der millionsten Minute passiert, erfahren die LeserInnen – leider – nicht.)

Es ist eine tolle Geschichte über die Relativität von Zeit, über das Loslassen, über das Sein und vor allem über das Sein-lassen.

Eine Million Minuten erzählt eine Geschichte, die Mut macht, sich ins Leben zu stürzen, ohne Garantie, dafür mit Zuversicht und Superkleber im Gepäck.“ (Klappentext)

Wolf Küper Eine Million Minuten Wie ich meiner Tochter einen Wunsch erfüllte und wir das Glück fanden Verlag Knaus 978 3 8135 0743 0 255 Seiten

 

Erster Satz: Finkelbach war der sehr angesagte Psychologe, der mit uns die erste echte Untersuchung durchführte.

 

 

 

Han Kang, Die Vegetarierin

Han Kang, Die Vegetarierin

Es war eine demokratische Entscheidung des Literarischen Quartetts (Aufmerksame LeserInnen werden bemerkt haben, dass uns schon ein Mitglied abhanden gekommen ist…), Die Vegetarierin der Südkoreanerin Han Kang zu lesen. Meine Stimme hatte sie nicht bekommen. (Ich hatte zum 2. Mal erfolglos für Peter Henisch Suchbild mit Katze gevoted.)  Trotz des vielen Lobes – „Meisterwerk“ Faz, „…bigger than Life“ Tagesspiegel, „ein Fest“ The Guardian und der direkten Anordnung „Sie müssen dieses Buch lesen!“ von Arnon Grunberg – war ich skeptisch: Skurrilität mag ich nur in Verbindung mit Humor. Und SüdkoreanerInnen waren mir bisher nicht als besonders witzig bekannt. Wobei ich zugebe, nur sehr wenige SüdkoreanerInnen zu kennen.

Aber abgemacht ist abgemacht. Ich hab mich in Die Vegetarierin hineingequält. Es ist nicht so, dass es nicht interessant wäre. Der schnörkellose Stil, die totale Unaufgeregtheit trotz des aufwühlenden Inhaltes, die doch sehr schräge Idee. Aber es hat mich nicht gepackt. Gar nicht. So sehr nicht, dass ich 30 Seiten vor Schluss (!) aufgehört habe zu lesen. Es hat mich schlichtweg nicht mehr interessiert. Das Bisschen Beziehung, das ich zur Protagonistin aufgebaut hatte, wurde jäh gekappt. Die neue Hauptdarstellerin war bisher kaum in Erscheinung getreten. Eine Randfigur, die kurz vor Schluss ins Zentrum der Geschichte gerückt wird.

Soll sein, aber nicht mit mir. Meine Lebenszeit ist mir mittlerweile zu knapp, um mich zu langweilen. Han Kang wird, das Lesezeichen auf S.161 verewigt, in die Bibliothek verbannt.

Meiner Freundin Ines hingegen hat das Buch sehr gut gefallen. Sie fand es sogar sexy!

Wer sich selbst ein Urteil bilden will, kann das Buch bei meiner neuen Lieblingsbuchhandlung Hartliebs bestellen. Hartliebs liefert versandkostenfrei. No need for Amazon!

Han Kang
Die Vegetarierin
aufbau Verlag
978 3 351 03653 9
190 Seiten

Erster Satz: „Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar.“

 

 

 

Friederike Gösweiner, Traurige Freiheit

Friederike Gösweiner, Traurige Freiheit

Ich gehöre jetzt einem Literarischen Quintett an! Ist das nicht schön schrullig? Auf Betreiben meiner Freundin Ines treffen einander 5 Frauen um über ein Buch zu sprechen, über dessen Wahl demokratisch abgestimmt wurde.

Ich hatte  ja Peter Henisch, Suchbild mit Katze, nominiert. (Wie auf merksame LeserInnen wissen, liebe ich Henisch!) Außerdem gingen John Irving, Straße der Wunder, Heinrich Steinfest, Der Allesforscher und Martin Suter, Elefant, ins Rennen. Die Demokratie verdammte mich jedoch zu Traurige Freiheit.

Na wenigstens eine Frau, dachte ich, eine österreichische. Der Klappentext machte mir Angst. Die Geschichte beruflichen Scheiterns könnte man eventuell persönlich nehmen. Hoffnung machte mir hingegen das „Sprachkunstwerk“, das mir Klaus Zeyringer von Literatur und Kritik am Buchrücken versprach.

Ich mach´s kurz: Es gibt 2 gute Dinge an Traurige Freiheit: Es hat nur 143 Seiten und den Satz „Von hier nehmen, das musste man das Leben.“ Der Rest ist eine Aneinanderreihung von Ödnis inhaltlich wie sprachlicher Natur. Banale Metaphern, die alle mit irgendwie „Fallen“ zu tun haben.

„Es gab ja kein Entrinnen, nichts konnte den Mann retten. Und er war ganz allein, da war niemand sonst, niemand, der Notiz nahm von ihm. Er war ganz allein mit sich auf dem Foto. Er fiel und fiel und fiel, haltlos (sic!), verloren, allein. Es war bestürzend (sic!), das zu sehen (…)“

Echt jetzt: „haltlos“, „bestürzend“? Vielleicht ist diese begriffliche Flachheit ja schon wieder genial, bloß erkenne ich es halt nicht …

Andere sehen das ja auch anders. Sonst hätte Gösweiner wohl nicht den Öster. Buchpreis verliehen bekommen. Auch das Restquartett (oder ist das jetzt das Restqunitett?) war nicht ganz so kritisch. Christine war sogar sehr angetan! Es wäre ein Roman typisch für die Generation Y. Eine Generation, die nie gelernt hätte zu scheitern und letztlich daran zerbrechen müsse. Der fehlende sprachliche Manierismus wurde als mutig und konsequent beurteilt. Als Sprache der Zeit.

Schön war jedenfalls, mit anderen Literaturinteressierten darüber zu sprechen. Zu hören, dass es durchaus auch eine andere Rezeption als die eigene gibt. Dazu hat mensch ja nur selten die Gelegenheit. (Mit dem Feuilleton lässt sich schwer in Dialog treten…)

Friederike Gösweiner Traurige Freiheit Verlag Droschl 9783854209768 143 Seiten
Friederike Gösweiner
Traurige Freiheit
Verlag Droschl
9783854209768
143 Seiten

Erster Satz: „Dann hat es wohl keinen Sinn mehr“, sagt Hannah.

Bis zum nächsten Mal wird´s eine Weile dauern. Wir haben uns den 900 Seiten starken Roman Ein wenig Leben der Hawaianerin Hanya Yanagihara vorgenommen, den mir am selben Tag auch meine Freundin Petra ans Herz gelegt hatte.

Meanwhile höre ich den zweiten Band des neapolitanischen Familienepos´ von Elena Ferrante. Seeehr zu empfehlen!


PS: Danke für den Motivationsschub an Flo Schmidt, der einen neuen Blogbeitrag urgierte & auch bekam 😉

Robert Seethaler, Der Trafikant

Robert Seethaler, Der Trafikant

Nicht mehr neueste Ware, aber aktuell, da der Autor mit einigen Auszeichnungen versehen wurde – die wichtigste: Buchpreis der Wiener Wirtschaft. Nein, Spaß beiseite: Robert Seethalers Roman, Ein ganzes Leben, wurde für den Man Booker Prize nominiert. Der Man Booker International Prize gehört zu den renommiertesten internationalen Literaturpreisen.

Aber zurück zum Trafikanten. Eigentlich hab ich das Buch für meinen Kollegen und Freund Ronny gekauft, dessen Grafikstudio „Trafikant – Handel mit Gestaltung“ heißt. Als ich das Buch entdeckte, war es aber schon ein alter Hut (Erscheinungsjahr 2013) und  – natürlich – irgendwer war schneller: Ronny kannte es schon. Also kam es zu  mir zurück. Und jetzt ist es gelesen. Und es ist gut. Also ich jedenfalls mag es sehr. Es ist eine unaufgeregte Geschichte von einem jungen Mann, der vom Ausseer Land in die große Stadt kommt. Bei einem Verwandten, der eine Trafik führt, findet er Aufnahme. Nach und nach lernt er die große Welt aus den Zeitungen, die Vorlieben der Stammkunden, die Aromen der Zigarren und die Liebe kennen.

Ein Stammkunde, ein gewisser  Dr. Freud, interessiert Franz besonders, heißt es doch, der berühmte Doktor könne Menschen in Liebesdingen heilen. Und die Liebe macht Franz zu schaffen. Also beschließt er, den Professor um Rat zu fragen. Beharrlich verfolgt er Freud (Heute wäre Franz ein Stalker 😉 und schafft es, das Interesse des Psychoanalytikers zu wecken. Die unverfrorene Art des jungen Trafikanten  imponiert dem alten Herren. Immer wieder suchen sie das gemeinsame Gespräch.

Doch die Freundschaft währt nicht lange. Die Nationalsozialisten kommen an die Macht. Franz´ Onkel, der aufrechte Trafikant, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält, wird rasch ein Opfer der Gestapo.  Auch Freud muss Wien verlassen und schafft noch rechtzeitig die Flucht nach England. Nicht ohne noch ein letztes Mal mit seinem jungen Freund ein Gespräch über die Liebe zu führen.

Der Trafikant ist ein aufgeregtes, stilles Buch. Mit feinem Humor und viel G´spür. Andreas Platthaus, Literaturkritiker der FAZ schreibt: „Diese unerklärliche Leichtigkeit des Schreibens ist so wohltuend.“ Genauso habe ich das auch empfunden: Große Schicksale werden mit einer Leichtigkeit erzählt, die man sich selbst für seine Einstellung zum Leben wünschen würde!

Robert Seethaler
Der Trafikant
Klein & Aber Pocket
250 Seiten
978-3-0369-5909-2

 

Erster Satz: An einem Sonntag im Spätsommer des Jahres 1937 zog ein ungewöhnlich heftiges Gewitter über das Salzkammergut, das dem bislang eher ereignislos vor sich hin tröpfelnden Leben Franz Huchels eine ebenso jähe wie folgenschwere Wendung geben sollte.

Spät aber doch: Aufs Känguru gekommen.

Spät aber doch: Aufs Känguru gekommen.

Die Frau, die seit einiger Zeit im Wald, im Auto, beim Wäscheabnehmen, beim Kochen, … laut und herzlich lacht, bin ich! Ich höre die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling und amüsiere mich bestens.

Marc-Uwe lebt mit einem Känguru zusammen. Es spricht, säuft, kifft und ist Kommunist. Ein großartig intelligenter, absurder Spaß! Schön, dass es noch 2 weitere Folgen gibt.

Achtung: Nicht geeignet für öffentliche Räume!

die känguru-chroniken
Die Känguru-Chroniken: Live und ungekürzt.
Marc-Uwe Kling (Autor, Erzähler), HörbucHHamburg HHV GmbH (Verlag)
ca. 5h

Hier gibt´s eine Hörprobe eines meiner Lieblingskapitel: Neue Regeln.

Vladimir Vertlib, Lucia Binar und die russische Seele

Vladimir Vertlib, Lucia Binar und die russische Seele

Mpf. Bin ein bisschen enttäuscht. Da eines meiner Lieblingsbücher ebenfalls von Vladimir Vertlib stammt, Die besondere Geschichte der Rosa Masur, hab ich mich sehr auf eine weitere Frauen-Geschichte des in Österreich lebenden Russen Vertlib gefreut.

Seine neue Protagonistin, Lucia Binar, ist mit ihren 83 Jahren denn auch eine (vermeintlich liebe) alte Dame. Doch wehe, es geht ihr etwas gegen den Strich!

Aktuell kämpft sie darum, in ihrer Wohnung in der Großen Mohrengasse bleiben zu dürfen – ganz gegen den Willen von Hauseigentümer Willi Neff. Der würde das Haus gerne mieterbereinigt und saniert an Investoren verkaufen.

Aber er hat nicht mit dem Durchsetzungsvermögen von Lucia Binar gerechnet. Ihr hohes Alter macht sie nahezu unangreifbar. Dazu geht sie ungewöhnliche Allianzen ein, etwa mit dem Obdachlosenpaar in ihrem Hausflur. Wenn ihr jemand körperlich zu nahe zu kommen droht, der lernt den schnellen Angriff des Jiu-Jitsu-erfahrenen Studenten Moritz kennen. So kann keiner das Erfolgsduo aufhalten.

Das Übersinnliche – in Gestalt des Metaphysikers (?) Viktor Viktorowitsch Vint – löst schließlich auch den Rest der Probleme. Wobei die Botschaft Denk gut drüber nach, was du dir wünschst ein bisschen sehr platt daherkommt.

Das Buch liest sich leicht. Es ist lustig, gespickt mit vielen Zitaten aus der russischen Lyrik – echten wie erfundenen. Aber an „meine“ Rosa Masur kommt es bei weitem nicht heran.

Vladimir Vertlib
Vladimir Vertlib
Lucia Binar und die russische Seele
Deuticke Verlag
318 Seiten

 

  Erster Satz: Wenn ich jetzt sterbe, dann kann ich damit leben.

Lori Nelson Spielmann – The Life List

Lori Nelson Spielmann – The Life List

/dafür wurde das Adjetiv „pathetic“ erfunden /

Muss ja was dran sein, wenn Lori Nelson Spielmann in wirklich jedem Frauenmagazin als Must-Urlaubslektüre angepriesen wird. Außerdem ist das englische Buchcover wirklich nett.

Leider gerät die – an sich vielversprechende Grundidee (Mutter hinterlässt Tochter das millionenschwere Erbe nur dann, wenn diese 20 Dinge tut, die sie als Teenager auf eine „life list“ geschrieben hat) – relativ rasch zur Mega-Schnulze. Erschwerend kommt der amerikanische Drang hinzu, gleich alles und jeden mit verbaler Liebe zu überschütten. Add some Pathos und schon hast du The Life List.

Ein Buch wie eine Malakofftorte mit Schlagobers! Manchmal gelüstet einen danach, aber schon nach dem ersten Bissen bereut man´s.

Lori Nelson Spielmann, The Life List
Lori Nelson Spielmann The Life List
Arrow Books 2013
9780099580157
335 Seiten

In der Übersetzung von Andrea Fischer unter dem Titel Morgen kommt ein neuer Himmel im Fischer Krüger Verlag erschienen.

Erster Satz

Voices from the dining room echoed up the walnut staircase, indistinct, buzzing, intrusive.

Kläglich gescheitert an Katherine Dunn, Binewskis, Verfall einer radioaktiven Familie

Kläglich gescheitert an Katherine Dunn, Binewskis, Verfall einer radioaktiven Familie

Selten kommt es vor, dass ich bereits bei Seite 70 (von 510) aufgebe. Der schöne Einband und die Lobeshymnen am Buchrücken hatten mich verführt. Dabei hätte ich nur den Klappendeckel lesen müssen: „(…) Dunn hat 17 Jahre an Binewskis gearbeitet.“ Das wäre mir sofort suspekt gewesen. Und gleich die ersten paar Seiten machten klar: Das wird nicht mein neues Lieblingsbuch. Zu verdreht die Geschichte, zu künstlich der Stil (Kein Wunder nach 17 Jahren Herumgefitzel!) Eine literarische Freakshow quasi. Doch wenn ich Phantastisches lesen will, greife ich zu Fantasy!

Ich nehme an, wer auf die phantastischen Panoptiken eines T.C.Boyle steht, wird seine Freude an Katherine Dunnes Binewskis haben. Mir bleibt ein schönes Buch im Regal.

Katherine Dunn, Binewskis, Verfall einer radioaktiven Familie
Katherine Dunn Binewskis, Verfall einer radioaktiven Familie
übersetzt von Monika Schmalz
Berlin Verlag
9783827010728
510 Seiten

Erster Satz:

„Als eure Mama noch ein Geek war, meine Traumkindchen“, sagte Papa immer, „machte sie das Abknabbern der Köpfe zu einem so glitzernden Geheimnis, dass die Hennen selbst sich nach ihr verzehrten, sie umtanzten, hypnotisiert vor Verlangen.