Westbalkan 2026 (Part 7) – Mostar – Wenn Krieg ein Gesicht und eine Stimme bekommt

Westbalkan 2026 (Part 7) – Mostar – Wenn Krieg ein Gesicht und eine Stimme bekommt

Wann immer möglich, nehmen wir nicht die Autobahn. So sehen wir viel mehr vom echten Land. Auf dem Weg von Sarajevo nach Mostar fahren wir den großen Fluss Neretva entlang. Eine herrliche Landschaft, karstiges Gebirge – Winnetou lässt grüßen (wurde angeblich wirklich hier gedreht.)

So schön – mittlerweile bunt gefärbt – die Landschaft auch ist, am Stausee Jablaničko macht sich das gesamte Ausmaß der Trockenheit massiv bemerkbar. Boote und Schwimmplattformen liegen auf dem Trockenen, Sprungtürme können nur noch von Suizidgefährdeten genützt werden. Hotels und Zimmervermieter haben geschlossen, Boote die am Steg privater Datschen angebunden sind, baumeln im Sand.

Nach dem Stausee darf die Neretva wieder frei fließen – da fällt der Wassermangel nicht mehr ganz so auf. Wir campieren ganz in der Nähe von Mostar am Wasser. Auch wenn die Neretva nur um die 10 Grad hat – das Wasser ist so klar, da muss ich hinein!

Stadtführung der besonderen Art

Am selben Nachmittag lassen wir uns mit dem Taxi nach Mostar bringen. Wir haben eine Stadtführung mit Sheva gebucht. Da Nebensaison und Nachmittag, sind wir nur eine kleine Gruppe von 10 Menschen. Es ist angenehm warm, keine 35-40 Grad wie im Hochsommer. Sheva ist Führungen in der Hitze gewöhnt und führt uns von einem Schattenplatz zum nächsten. Er ist eigentlich Tischler, will uns aber seine Heimatstadt näherbringen und durchaus auch seine Sicht darauf, was sich hier zwischen den Kriegsparteien abgespielt hat. Er hat selbst gekämpft in der bosnisch-herzegowinischen Armee.

In einwandfreiem, schnellem Englisch führt er uns vom Hamam Museum (hat nix mit dem Bad zu tun, sondern zeigt künstlerische Arbeiten zum Jugoslawien-Krieg) über die „Krumme Brücke“ zur berühmten Stari Most, der Alten Brücke (die eigentlich jpnger ist als die krumme). Hier springen einmal pro Woche professionelle (und weniger professionelle) Menschen in die Neretva, 24-28 Meter in die Tiefe. Wer das nicht im Suff sondern ganz offiziell tun will, muss sich einer Prüfung des Diving Clubs sic!) unterziehen. Wird die Erlaubnis erteilt, so muss mann (sind zu 99% Männer) sich nicht nur trauen, sondern auch noch schön springen 🙈

Es hält sich übrigens hartnäckig das Gerücht (auch auf Wikipedia), dass die Alte Brücke die Stadt in zwei Teile teile. Das stimmt nicht. Die Stadt war einst geteilt, aber entlang einer großen Straße, die 500 Meter entfernt verläuft (über die schmale, steile Brücke hätte gar keine Versorgung erfolgen können) . Was schon stimmt ist, dass die Kroaten in einem Akt der grausamer Willkür die über 500 Jahre alte Brücke in die Luft sprengten. Nicht aus versorgungsstrategischen Gründen, sondern aus reiner Bosheit und um die Moral der Mostaer:innen zu erschüttern. (Die Verantwortlichen wurden später übrigens wegen dieses Kriegsverbrechens verurteilt.)

Sheva erzählt uns von der Belagerung der Stadt, wie Kroat:innen, Serb:innen (!) und Bosniak:innen Seite an Seite an Seite die Serben und die Jugoslawische Armee daran hinderten, die Stadt einzuschließen. Er erzählt aber auch von den Serbischen Snipern, die von den umliegenden Bergen gezielt Menschen erschossen, die sich im Tageslicht auf die offenen Straße wagten.

Die Eskalation mündete schließlich im Massaker von Srbrenica, wo 8.000 bosnisch-muslimische Männer ermordet wurden. Der „Tag des weißen Bandes“ jeden 31.Mai erinnert heute noch an die Massendeportationen und das Massaker.

Sheva beendet die Stadtführung am Friedhof von Mostar. Er habe hier früher Fußball gespielt, es sei ein ganz normaler Park gewesen. Aber die vielen, vielen Toten musste schnell begraben werden. Sie mussten es in der Nacht tun, um von den Heckenschützen nicht gesehen zu werden. Während er das erzählt, lehnt er auf einem Grabstein. Jenem seines besten Freundes…

Wir können nicht alles, was uns Sheva erzählt hat nachprüfen. Seine Verklärung Titos ging uns ziemlich auf die Nerven. Aber selten haben wir Geschichte so eindringlich und ehrlich vermittelt bekommen!

Ein Gebäude aus der österreichisch-ungarischen Monarchie, zerstört im Krieg, geblieben als Mahnmal.

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