Lukas Matzinger, Ohne Kalaschnikow schlaf ich schlecht

Lukas Matzinger, Ohne Kalaschnikow schlaf ich schlecht

Ich liebe dieses Buch! Eigentlich wollte ich euch ja schon viel eher davon erzählen, dann kam das Leben (und einige andere, lang nicht so gute Bücher) dazwischen. Aber heute höre ich Lukas Matzinger im Falter Literatur-Podcast darüber sprechen und da überkommt mich gleich wieder diese Begeisterung. Schon schreibe ich diesen Beitrag.

34.000 Kilometer in einem VW-Bus, Baujahr 1983. Richtung Osten durch und tief hinein in all jene Länder, die wir nur aus den Medien kennen. Und ehrlich gesagt auch nie näher kennenlernen wollen (bzw. können): Türkei (ginge ja noch), Iran, Pakistan, Tadschikistan, China, Kirgistan, Usbekistan, Kasachstan, Georgien…

Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der Fotografin Olivia Wimmer, macht sich der Falter-Journalist Matzinger ein Jahr lang auf diesen – durchaus beschwerlichen – Weg. Zurück bringt er uns ein Buch, das mit einem normalen Reisebericht glücklicherweise nur sehr wenig zu tun hat. Matzinger erzählt schon auch von der Reise, doch sein Fokus liegt auf der Begegnung mit den Menschen, die sie kennenlernen. Teilweise Pannen-und/oder Bürokratie-bedingt halten sich Matzinger und Wimmer oft auch (zu) lange in einem Land auf – im Iran verbringen sie zum Beispiel mehrere Wochen.

Matzinger schreibt mit viel Gefühl, Sprachwitz, Ironie und dennoch völlig unverklärt.

„Theoretisch wäre Kirgisistan ein muslimisches Land, praktisch sind die Supermarktregale für Schnaps reserviert. Imam bei Tag. Iwan bei Nacht.“

Die mutigen Reisenden – ich hab mich schon beim Lesen manchmal gefürchtet – vertrauen nicht Gott (herrlich die Bettrachtungen zum allgegenwärtigen Ausdruck „Inshallah!“) sondern ihrem Bauchgefühl und manchmal der Kalaschnikow (allerdings nicht ihrer). Sie hätten sich selten gefürchtet, sagte Matzinger im Podcast. Wiewohl er seiner Freundin dann doch übelnimmt, dass diese ausgerechnet beim Abendessen mit einem islamischen Fundamentalisten über die Irrwege des Korans diskutieren muss…

Kritik wird angebracht

Matzingers und Wimmers Erlebnisse tragen sich zwischen intellektueller Distanz und großer Herzlichkeit zu. Wie elend auch immer das politisch/religiöse System und dessen beklagenswerten Hervorbringungen, immer gibt es Menschen, die bereit sind, zu helfen, zu teilen, gemeinsam zu feiern (und zu trinken.) Unbedingt lesenswert das Kapitel „Männer, die um Ziegen streiten.“

Oder ihr cooler Umgang mit der doch sehr verbreiteten Korruption hat mich Auslandsschisserin sehr beeindruckt. (Möglicherweise liegt das auch an der orient-erfahrenen Olivia, die dem Grenzsoldaten, der sie zu erpressen versucht, einfach die kalte Schulter zeigt!😱) Humor ist erst im Nachhinein angebracht.

„Das ergibt sich aus der alten Faustformel: je korrupter ein Saat, desto schlechter seine Straßen. (…) Korruption geht auf die Stoßdämpfer, mit etwas Glück hat der Cousin des Verkehrsministers eine Ersatzteilfabrik.“

Kulinarisch durchwachsen

Das kulinarische Erlebnis ist – bei 34.000 Kilometern nicht anders zu erwarten – divers. Uigurisch wird nicht mehr zu Matzingers Lieblingsküche:

In unserer Menüfolge verstimmt mich jeder Gang mehr als der vorherige. Die uigurische Küche vereint, was ich am meisten hasse: Schaf essen, scharf esse und Seife esse, die andere Koriander nennen. Der Schafgerichten eigene Grat zwischen „schmeckt wie bei Oma“ und „schmeckt wie bei Oma unterm Arm“ ist überschritten.

Gelassenheit als Lektion

Nach elf Monaten auf – teilweise auch unter – Achse hat Matzinger Erstaunliches über sich gelernt:

„Ich bin ergriffen von dem bequemen Leben, das mich vor einem Jahr ermüdet hatte. (…) Wir unternahmen diese Reise ja nicht, weil es leicht war. Sondern weil wir dachten, dass es leichter wäre. Wir erhofften uns etwas davon, dieses Behagen abzustreifen, Ansprüche loszuwerden und fremdem Leben nachzuspüren. Aber immer wieder führten uns die Wege Grenzen vor Augen. Diese kleinen körperlichen, geistigen und moralischen Linien, an denen wir uns selbst kennenlernen. Ich verstand, was ich brauche, an dem, was ich vermisste. Winzige Dinge wie Schnittlauchbrote, wesentliche wie Frauenrechte.“

Cover Ohne Kalaschnikow schlaf ich schlecht
Lukas Matzinger, Olivia Wimmer
Ohne Kalaschnikow schlaf ich schlecht
Zsolnay Verlag
Hardcover, 306 Seiten
ISBN 978 3-552-07525-2

Danke

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei den beiden bedanken. Nicht nur, weil sie mir wunderbare Momente mit ihrem Buch geschenkt haben, sondern weil sie diese Reise überhaupt unternommen haben. Ich hätte sie nicht machen wollen und will das nun schon gar nicht mehr. Dennoch ist es interessant, jene Länder aus einer persönlichen, selbst nachvollziehbaren, Perspektive zu erleben.

Wer darüber nachdenkt, etwas Ähnliches zu tun, sollte bedenken, dass sich erstens seit Erscheinen des Buches leider viel zum Schlechten verändert hat (Stichwort: Straße von Hormus), zweitens Olivia Wimmer Arabisch spricht und drittens Lukas Matzinger auf rudimentäre Russischkenntnisse zurückgreifen kann. Zudem kann Matzinger hochprozentigen Alkohol vielleicht nicht gut vertragen aber zumindest zu sich nehmen. Das schweißt in alkoholisch-patriarchalen Gesellschaften zusammen. (Noch eine weiterer Grund, warum das nichts für mich wäre. Daher nochmal: Danke!

Erster Satz

Um 8:40 ist Frühstück, um 12.40 Mittagessen, und wenn es dämmert, Abendbrot.

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